Göttliche Energie - was bringt sie Herzkranken?
Kardiologen haben Christen, Juden und Buddhisten in aller Welt
für Patienten beten lassen
Eine Studie, in der unter streng wissenschaftlichen Kriterien
die Kraft von Fürbitte-Gebeten erforscht worden ist, erregte auf
dem Kardiologen-Kongreß in Dallas Aufsehen: Dr. Mitchell Krucoff
von der Duke-Universität in Durham (North-Carolina) berichtete
auf der Jahrestagung der American Heart Association Dallas (Texas):
"Die Ergebnisse unserer Studie sind sehr aufregend und ganz anders,
als die meisten Ärzte erwartet hätten."
Krucoff und sein Team haben in einer Phase-1-Studie bei 150 Männern mit instabiler Angina pectoris, bei denen eine Angiographie oder PTCA gemacht worden war, die Wirkung alternativer Zusatztherapien geprüft. "Wir wollten sehen, was Patienten außer Pillen und medizinischen Prozeduren noch hilft", hat der Studienleiter das Ziel der Untersuchung zusammengefaßt. Stärkt die Kranken nach dem Eingriff liebevolle Pflege mit Entspannungsübungen, Berührungstherapie oder wenn andere Menschen in aller Welt für sie beten, wollte das Team wissen. Stärkt es sie so weit, daß sie keinen Herzinfarkt, kein Lungenödem bekommen, nicht noch einmal operiert werden müssen?
Was nüchtern denkenden, streng wissenschaftlich arbeitenden Schulmedizinern
aberwitzig erscheint, hat funktioniert: Besonders Beten hat viel
gebracht, im Vergleich zur Standardgruppe ohne jede Zusatzbehandlung
kamen in der Gruppe, für die Christen, Juden und Buddhisten in
aller Welt gebetet hatten, nur halb so viele Ischämien vor. Was
natürlich noch keine wissenschaftlich zuverlässige Aussage erlaubt,
die Gruppen in solchen Phase-1-Studien sind dafür viel zu klein.
Aber schon ist die anschließende Phase-2-Untersuchung mit 1500
Patienten geplant, sagt Krucoff. Geldgeber werden noch gesucht.
"Nennen Sie es spirituelle Energie oder göttlich. Ich weiß es
nicht"
von Hagen Rudolph
Dallas. "Es gibt mehr Dinge zwischen Himmel und Erde, als unsere Schulweisheit
sich träumen läßt". - Bei Spruchweisheiten und Zitaten dieser Art können schulmedizinisch-wissenschaftlich
tätige Menschen meist nur gequält milde lächeln. Solche Dinge
gehören für sie, wenn es um therapeutische Möglichkeiten geht,
in die Abteilung Magie, Scharlatanerie, Sinnestäuschung oder,
positiv formuliert, zur Religion. Ausgerechnet beim wissenschaftlichen
Jahreskongreß der American Heart Association (AHA), deren führende
Vertreter sonst peinlich genau darauf achten, daß alles mit den
rechten Dingen dieser Erde zugeht, ist nun eine Studie vorgestellt
worden. die das Überirdische einbezieht. Patienten mit instabiler
Angina pectoris, die sich einer Angiographie oder PTCA unterziehen,
geht es nach den Ergebnissen dieser Studie besser, wenn rund um
die Welt Menschen für sie beten.
Ist das ein Scherz?
Nein, sagt Studienleiter Dr. Mitchell W. Krucoff, der die Studie
auf dem AHA-Kongreß vorgestellt hat. Krucoff ist nicht etwa ein
Esoteriker, der sich in die Gemeinde der Kardiologen verirrt hat
und dort versehentlich aufgenommen worden ist. Krucoff ist der
Gemeinde bekannt und als Autor oder Mitautor auf dem Kongreß mit
drei weiteren Arbeiten vertreten, und zwar mit so erdnahen Themen
wie: "Direkter Vergleich der Methoden zur Analyse der ST-Erholung
nach Thrombolyse-Therapie bei akutem Myokard-Infarkt". Einzelheiten
sind ähnlich verblüffend wie das Ergebnis.
Was also hat es mit dem Beten für kranke Menschen auf sich, wenn
es kein Scherz ist?
Die Einzelheiten den Studie sind, gemessen an normalen wissenschaftlichen
Gewohnheiten, ähnlich verblüffend wie das Ergebnis. Da ist schon
mal den Name: MANTRA. Es steht für Monitor and Actualization of
Noetic Training. Aber das ist natürlich nicht bloß so ein übliches
Akronym. Mantra hat auch eine halbreligiöse Bedeutung. Es kennzeichnet
ein Leitwort, das bei Meditationen ständig wiederholt wird, um
meditative Tiefe zu erreichen. Für denjenigen, der diese Anspielung
des Akronyms an die buddhistische Verwandtschaft nicht bemerkt,
hat Krucoff auf seinem Poster beim AHA-Kongreß den Namen den Studie
auch noch in hübschen Schnörkeln gezeichnet.
Und da sind die anderen unorthodoxen Einzelheiten von Krucoffs
MANTRA, die unten wissenschaftlichen Gesichtspunkten eine Pilot-Studie
ist, eine Phase-I-Therapiestudie, um zu prüfen, ob eine Behandlung
überhaupt winkt und ob sie den Patienten nicht schadet. Zu prüfende
Behandlungsmöglichkeiten hier:
1.eine Art Entspannungstherapie (zum Beispiel liebevolle Pflege,
entspannende Atmungsübungen),
2.eine Berührungstherapie (unter anderem Streicheln durch die
Pfleger, Händehalten),
3.Arbeiten mit bildhaften Vorstellungen ("imagery"),
4.Gebete (nicht von den Kranken für sich selbst, sondern von anderen
für die Kranken).
In der Kontrollgruppe gab es nur Standardtherapie, also schiere
Normalmedizin von, bei und nach einen Angiographie im Krankenhaus
Teilgenommen haben 150 Patienten, alles Männer.
Mittleres Alter 64 Jahre. Fast hundert von ihnen hatten eine Mehrgefäßerkrankung,
und ebenfalls fast hundert hatten schon einmal einen Herzinfarkt
gehabt. Jedem den fünf Studienarme wunden 30 Patienten randomisiert
zugeteilt. Standard- und Gebete-Arm wurden danach doppelblind
gehandhabt, das heißt, Patienten und Pfleger den beiden Gruppen
wußten zwar, daß irgendwer in den Welt aufgefordert werden sollte,
zu beten, aber niemand von ihnen wußte, wen zu den Glücklichen
gehören würde, für deren Wohlergehen jemand tatsächlich Fürbitte
leisten würde.
Wie der Studienname schon vermuten läßt, sind als spirituelle
Behandler nicht nun Christen eingesetzt worden. Die Namen den
Patienten aus den Gebete-Gruppe wunden per E-mail geschickt an
Juden nach Jerusalem, an Buddhisten in Klöstern in Frankreich
und Nepal, an Karmeliter-Nonnen, an Baptisten, Unitarier oder
weitere Angehörige unterschiedlicher christlicher Gruppen in den
USA. Sie alle sollten entweder an der Klagemauer, in ihren Mantra-Meditationen
oder ihnen Vesper- oder Tagesgebeten sich für die Patienten mit
Nennung den Namen einsetzen. Welche Auswirkungen das auf die Patienten
hat, ist mit ganz irdischen Methoden (und Maschinen der US- amerikanischen
Firma Marquette Electronics, die die ganze Studie bezahlt hat)
überprüft worden. Ständig überwacht wurden während des Krankenhausaufenthaltes
die Patienten in Bezug auf Blutdruck, Herzschlag, Ischämien (EKG)
während und nach dem Eingriff, außerdem wurden für die Auswertung
selbstverständlich alle relevanten Ereignisse protokolliert wie
Herzinfarkt, weitere Angiographie, Lungenödem, Herzinsuffizienz-Symptome,
Bypass-Operationen, Tod.
Aussagekräftige signifikante Ergebnisse über den Nutzen der unterschiedlichen
Therapieformen konnten bei all dem natürlich nicht herauskommen.
Dazu ist eine Phase-1-Studie in der Regel wegen der wenigen Patienten,
die teilnehmen, nicht geeignet.
Dennoch hat die Studie, wie Krucoff sagt, ermutigende Ergebnisse
gebracht. Da ist für ihn zum einen die Tatsache, daß die alternativen
Strategien nicht schaden - was jetzt eine neue Studie möglich
macht. Das Protokoll für die neue Untersuchung ist schon geschrieben,
nun wird noch nach Geldgebern gesucht.
Einbezogen werden sollen 1500 Patienten, und diesmal sollen fünf
Kliniken mitmachen.
Ermutigend ist für Krucoff, seine Mitautorin Suzanne Crater, eine
Krankenschwester, und die 22 Heiler, die Pflege-Therapeuten an
den Krankenbetten, aber vor allem, daß die vier Zusatzbehandlungen
gewirkt haben. Wobei nach Ansicht des Studienleiters besonders
das Beten viel gebracht hat: Nur halb so viele Ischämien wie in
der Standard-Gruppe (12,5 im Vergleich zu 25,9 Prozent), gar keine
schweren Nebenwirkungen in der Gebete-Gruppe, aber immerhin 6,7
Prozent in der Standard-Gruppe. Und die Patienten mit internationalen
Fürbitten haben sich subjektiv auffällig besser gefühlt.
Alles kann nur schierer Zufall gewesen sein
Objektiv und streng wissenschaftlich gesehen haben die Werte für
den Nutzen des Betens bei diesen kleinen Patientenzahlen natürlich
eigentlich überhaupt nichts zu bedeuten. Alles kann schierer Zufall
sein. Aber eine kleine Revolution ist das dennoch. Gebete rund
um die Welt als Therapie-Hilfen für Kranke! Für diese Hypothese
muß man erst mal den wissenschaftlichen Segen des Programm-Ausschusses
der American Heart Association bekommen.
Frage an Krucoff: "Was haben die Leute vom Programm-Ausschuß gesagt?
Haben sie gelacht? War es ein Scherz?"
Antwort von Krucoff: "Merkwürdig, Sie sind der erste, der sowas fragt. Wir haben zwar
eine Studie gemacht, wie sie noch nie gemacht worden ist, aber
alles ist ganz streng wissenschaftlich gewesen. Wir wollten einfach
sehen, was Patienten außer Pillen und medizinischen Prozeduren
hilft."
Religiöse Menschen werden es irgendwie schlüssig finden
Aber wie stellt er sich den Wirkmechanismus des Betens für andere
vor, noch dazu über Entfernungen um die halbe Welt?
Anwort: "Nennen Sie es spirituelle Energie, nennen Sie es göttlich. Ich
weiß es nicht."
Religiöse Menschen werden das irgendwie schlüssig finden. Die
anderen, die für die - streng wissenschaftlich nicht erklärbaren
- Dinge zwischen Himmel und Erde nur ein müdes Lächeln haben,
können sich immerhin darauf berufen, daß die Daten einer Pilot-Studie
statistisch höchst unzureichend sind.
Nur was ist, wenn die Phase-II-Studie einen statistisch signifikanten
Beweis bringt? Das könnte spannende Diskussionen auslösen.