TITEL

Beuteltiere

Sie stecken alles in die Tasche

Von Oliver Radtke

Die zumindest embryonal behaarten, homoiothermen und ihre Nachkommen mit Milch versorgenden Säugetiere traten zum ersten Mal in der Trias auf, also vor rund 200 Millionen Jahren. Doch erst mit dem Niedergang der Dinosaurierherrschaft vor etwa 65 Millionen Jahren konnte die neue Klasse in adaptiver Radiation aufspalten und alle Nischen erobern. Während sich die "echten" oder "höheren" Säuger fast durchgehend und überall auf der Welt behaupten konnten, sind in Australien und Amerika Verwandtschaftskreise mit urtümlicheren oder sonstwie ungewöhnlichen Merkmalen übriggeblieben. Während sie in Amerika nur unter dem Begriff "zur Abwechselung" verbucht werden, konnten sie in Australien ungestört die komplette Säugetierfauna repräsentieren und für den Kontinent so typische Vertreter mit Wappentiercharakter wie Känguruh oder Koala, aber auch weniger bekannte Sonderlinge hervorbringen. Gemein haben sie aber eines: den namensgebenden Öko-Rucksack für die Kleinen. Die Beuteltiere, wissenschaftlich als Metatheria oder Marsupialia bezeichnet, sind in der Unterkreide zusammen mit den übrigen höheren Säugern aus gemeinsamen Vorfahren entstanden.


Die phylogenetische Wiege befindet sich entgegen des geographischen Klischees nicht in Australien, sondern auf dem amerikanischen Doppelkontinent. Vor allem in Südamerika entwickelten sie sich parallel zu den übrigen Säugern in großer Artenzahl und brachten konvergente Formen hervor. So glichen sich die beiden Vertreter des Typs "Säbelzahntiger" Smilodon und Thylacosmilus verblüffend, doch war ersterer eine Großkatze, letzterer aber ein Beuteltier.
Über Antarktika verbreiteten sich die Beuteltiere nach Australien und Neuguinea (man bedenke hierbei, daß der Globus zur damaligen Zeit noch eine andere Landverteilung aufwies), wo sie beinahe alle ökologischen Nischen besetzten.
Die Systematik ist teilweise etwas verwirrend, da sie morphologisch sehr unterschiedliche Formen in gleiche Verwandtschaftskreise stellt. So seltsam einige phylogenetische Zusammenhänge aber auch sein mögen, so sind sie aufgrund serologischer und karyologischer Vergleiche dennoch recht gut gesichert.

Abb.1: Verbreitungsgebiete einiger Beuteltierarten gegenüber bevorzugten Verbreitungsgebiet der Säugetiere. Nach "Atlas der Tierwelt", ISlS-Verlag.



Von Maus bis zu Wolf

Als ursprünglich werden die Angehörigen der Ordnung Polyprotodonta angesehen. Der Name dieser spitzmaus- bis dachsgroßen Tiere bezieht sich auf die 3-5 mehr oder weniger gleichartigen Schneidezähne und auf das zwar insektenfresser- oder raubtierkonvergente, aber ohne brechscherenartige Vergrößerungen ausgestattete Backenzahngebiß.
Auf dem amerikanischen Kontinent vertritt das Nordopossum, ein possierlicher bodenlebender Allesfresser mit Greifschwanz, die Beuteltiere. Die recht einzelgängerischen Tiere haben sich bis nach Kanada ausgebreitet und sind ausgesprochene Kulturfolger.
Neben anderen gestaltlich gut in diese Gruppe passenden Tieren gehört überraschenderweise auch ein völlig anders anmutender Typ sogar in dieselbe Unterordnung innerhalb der Polyprotodonta: Thylacinus cynocephalus erreichte bis zu 1 m Körperlänge und war in Bau und Lebensweise den hundeartigen Laufjägern konvergent, was zu dem volkstümlichen Namen "Tasmanischer Wolf" geführt hatte. Leider wurde das hochinteressante Tier in den 30er Jahren ausgerottet.
Der als "Beutelteufel" verschriene Sarcophilus harrisi kann das Privileg für sich in Anspruch nehmen, das unbeliebteste Beuteltier zu sein. Der mit 50 cm Körperlänge nach Ausfall des Tasmanischen Wolfs größter rezenter Raubbeutler gilt als aggressiver, nächtlicher Einzelgänger und ist quasi die Hyäne unter den Beuteltieren (somit wäre klar, wer die afrikanischen Fleisch- und Aasfresser verkörpert hätte, wenn "King Of The Lions" in Australien spielen würde).
Überhaupt nicht im Beuteltierparadies Australien, sondern nur in Südamerika ist die Ordnung Paucituber culata verbreitet, spitzmausartige Kleintierfresser mit sehr großem Riechhirn Die im volkstümlichen Sprachgebrauch als "Opossum Mäuse" bezeichneten Tiere besitzen waagerecht hervorstehende Schnei
dezähne, die einer Pinzette ähnlich zum Ergreifen von Insekten geeignet sind. Ihre Lebensweise ist noch weitgehend unbekannt .



Die drei "K" der Beuteltiere:
Kleintier, Känguruh, Koala


Die dem Zoobesucher und anderen tierkundlich interessierten geläufigsten Beuteltiere sind in der dritten Ordnung, den Diprotodonta, organisiert. Gemeinsam haben sie alle, daß am Hinterfuß die zweite und dritte Zehe verwachsen sind. Im Unterkiefer stehen nur ein Paar Schneidezähne vor. Es sind vorwiegend maus- bis känguruhgroße Pflanzenfresser mit gut entwickeltem Beutel.
Ansonsten finden sich auch hier durchaus verschiedengestaltige Formen. Petaurus ist eine von drei konvergent zum Gleitflug befähigten Beuteltiergattungen mit eichhörnchengroßen Vertretern. Diese Gleitbeutler leben in Sippen in Baumhöhlen, begeben sich nachts jedoch einzeln auf die Suche nach Nektar, Pollen, Früchten und zur Feier des Tages auch schon mal Insekten.
Natürlich dürfen in einem Bericht über Beuteltiere keinesfalls die Känguruhs fehlen, die die Familie der Springbeutler (Macropodidae) bilden. Über sie wurde zum ersten Mal 1629 durch den holländischen Kapitän Pelsaert berichtet: er beschrieb ein Wesen von der Größe eines Menschen mit einem Rehkopf und einem langen Schwanz, das hüpfen konnte wie ein Frosch. Gemeint war offensichtlich ein Riesenkänguruh, die größte Art ihrer Gruppe, die auch als känguruh-typisch angesehen werden. Die kleinsten Arten sind jedoch nur etwa rattengroß.
Alle Känguruhs haben vergleichsweise kurze Vorderbeine mit fünf stark bekrallten Zehen und verlängerte, kräftige Hinterbeine, denen in der Regel die Großzehe fehlt (Ausnahme: Moschusrattenkänguruhs). Diezweiten und dritten Zehen sind, wie es sich für diese Ordnung gehört, von einer gemeinsamen Haut umgeben Die Känguruhs haben diverse Lebensräume erobert. Es gibt unter ihnen reine Steppenbewohner, Felsen- und Gebirgstiere und solche, die überwiegend auf Bäumen leben und ihren Schwanz als Balancierorgan verwenden. Känguruhs sind Pflanzenfresser mit Ansätzen zur Konvergenzentwicklung zu den Wiederkäuern. Sie leben in kleinen Trupps, bestehend aus einem Männchen und mehreren Weibchen mit ihren Jungen, die nach einer Tragzeit von 30-40 Tagen geboren werden und bis zu 250 Tagen im Beutel verweilen. Ein neues Jungtier erscheint jedes Jahr, aber nur eins!
Die Systematik umfaßt 3-4 Unterfamilien mit insgesamt 19 Gattungen und 51 Arten, deren bekannteste Arten, die Wallabies und Riesenkänguruhs, zur Unterfamilie der Kurzschwanzkänguruhs zählen. Andere Vertreter zeigen teilweise merkwürdige Kennzeichen. So weisen die Nagelkänguruhs an der Schwanzspitze einen Hornnagel unbekannter Funktion auf.



Abb.2: Konvergenzzwischen Marsupialier(a) und Eutherier(b): der Säbelzahntiger. Quelle: Siewig, Lehrbuch der Zoologie Bd.2 Systematik

Das neben den Känguruhs bekannteste Beuteltier ist der Koala (Phascolarctos cinereus), der die zur selben Ordnung zählende Familie der Kletterbeutler (Phalangeridae) stellt. Die Verwandtschaft mit den Känguruhs ist durch die Umwachsung der zweiten und dritten Hinterzehe durch eine gemeinsame Haut gesichert. Als Sonderbildung lassen sich der Daumen und der zweite Finger, der unserem Zeigefinger entspricht, den übrigen drei Fingern gegenüber stellen, wodurch eine Greifzange entsteht.
Die possierlichen, an Teddybären erinnernden Tiere waren ursprünglich in den Eukalyptuswäldern Ostaustraliens flächendeckend verbreitet. Seit Ende des vorigen Jahrhunderts geht ihr Bestand aber laufend zurück: Erst fiel ein großer Bestandteil der Population verschiedenen Seuchen zum Opfer, dann nutzten sogenannte Sportjäger die wehrlosen Tiere als Zielscheibe für ihren vorpubertären Exekutionsdrang, und schließlich ließen die alljährlich ausgelegten Waldbrände ihr trautes Heim mehr und mehr in der lodernden Flammenhölle verpuffen. Dem nicht genug entdeckte man Anfang unseres Jahrhunderts das dichte, weiche und widerstandsfähige Fell für den Pelzhandel. Das leitete eine erbarmungslose Jagd auf den Koala ein, die beinahe zur Ausrottung dieses Beuteltieres geführt hätte. Bis heute haben sich die Bestände nicht vollständig von der Verfolgungswelle erholt. Im Gegensatz zu der Verwertung von Schlachttieren entstammenden Fell- und Lederprodukten ist dem wohl kein Verständnis entgegenzubringen.

Abb.3: Er war leider nie mehrgesehen: Der tasmanische Beutelwolf (Thylacinus cynocephalus) starb auf dem australischen Festland auf rätselhafte Weise aus, während er auf Tasmanien durch den Menschen ausgerottet wurde.


Hinzu kommt, daß Koalas extrem anspruchsvoll sind und in zoologischen Gärten schwierig zu halten sind. Die Nahrungsspezialisierung auf die Blätter weniger Eukalyptusarten wurde schon angesprochen. Von den über 300 in Australien vorkommenden Eukalyptusarten werden nur 20 akzeptiert und davon auch nur ältere Blätter. Das ist nur dann verständlich, wenn man weiß, daß die jungen Triebe große Mengen an Blausäure enthalten. Der Unkenntnis dieses Sachverhaltes sind in Zoos schon viele Koalas zum Opfer gefallen. Es ist bei einem reinen Vegetarier zu erwarten, daß der Verdauungstrakt besondere Anpassungen zeigt, vor allem, wenn die Nahrung so schwer verdaulich ist. Tatsächlich ist ihr Blinddarm mit 1,8 - 2,5 m drei- bis viermal so lang wie die Tiere selbst. Analog den Kaninchen und einigen Nagetieren bilden sie mit Hilfe symbiotischer Bakterien einen sehr vitaminreichen Weichkot, die Caecotrophe, die nach Ausscheiden erneut aufgenommen wird.
Nach einer Tragzeit von etwa einem Monat wird ein Junges (oder sehr selten Zwillinge) geboren, das anschließend etwa ein halbes Jahr den nach hinten geöffneten Beutel bewohnt. Mit etwa 3-4 Jahren sind Koalas geschlechtsreif.

Abb.4: Familienidylle bei den Känguruhs
Quelle: "Das moderne Tierlexikon"; Bertelsmann Verlag




Vermehrung:
Natürlich das Interessanteste!


Überhaupt ist die Vermehrung das interessanteste Kapitel der Biologie der Beuteltiere. Daß sie in dieser Hinsicht ungewöhnlich sind, deutet sich nicht nur aufgrund ihres namensgebenden Kennzeichens an, nämlich des Beutels oder Marsupium der Weibchen.
Auch anderweitig lassen sich Besonderheiten aufzählen, die sie nicht nur von den übrigen Säugern abgrenzen lassen, sondern auch angedeutet an eierlegende Vorfahren erinnern. Die Marsupialier haben im Vergleich zu den übrigen Säugetieren relativ große Eier, deren Zona pellucida im Ovidukt in eine Eiweißhülle verpackt und von einer Schalenmembran umgeben wird, also Zustände, wie sie bei den Reptilien vorherrschen Die Eier enthalten ursprünglich auch noch Dotter, was ebenfalls säugeruntypisch ist, der während der ersten Teilungsschritte eliminiert wird, so als ob plötzlich der Groschen fiele und das Bewußtsein "Mensch, wir sind ja Säugetiere und werden über die Plazenta ernährt" aufkäme.
Es ist weiterhin ein Charakteristikum der Beuteltiere, daß die auf eine erfolgreiche Kopulation folgende Schwangerschaft den nächsten Zyklus nicht hemmt, sondern ihn zumindest vorerst normal weiterlaufen läßt. Eine Känguruhin kann somit gleichzeitig zwei unterschiedlich weit entwickelte Nachkommen austragen, einen Embryo und eine aus einer späteren Liebesnacht stamende Blastocyste. Sobald das erste Junge geboren wird und an der Zitze saugt, setzt die Laktation ein, und der Blastocyste wird eine Zwangspause befohlen, die erst beendet ist, wenn das saugende Jungtier alt genug ist, den Beutel zu verlassen. Das ist dann etwa der Entwicklungsstand, mit dem der Familienzuwachs höherer Säuger das Licht der Welt erblickt. Jetzt entwickelt sich der nächste Embryo aus der eingeschläferten Blastocyste. Die Krönung ist aber nun, daß nach dessen Geburt sowohl das Neugeborene als auch das ältere Kleinkind an jeweils zwei Zitzen mit Muttermilch bedient werden, die für jedes eine andere Zusammensetzung hat. Angesichts der einheitlichen hormonellen Situation ist das mehr als erstaunlich.
Wieder einmal zeigt sich, daß die Weiterentwicklung einer primitiven Grundstruktur zu hochkomplizierten Verhältnissen führen kann. Ihre Artenvielfalt, ihr Zustandebringen fast aller Lebensformen, die auch von den höheren Säugern bekannt sind, ihre trotzdem erstaunliche Unverwechselbarkeit und ungewöhnliche biologische Besonderheiten machen die Beuteltiere zu einer hochinteressanten Gruppe. Wir wollen hoffen, daß sie nicht der Konkurrenz eingeschleppter Fremdfauna oder der Zerstörung ihrer Lebensräume zum Opfer fallen.


Abb.6: Der Vorgang der Dotterelimination (A-E) und anschließende Blastocystenbildung (F-H) 1. Dotterkörper, 2. Zona pellucida, 3.Embryoblast, 4. Reste des Dotterkörpers, 5. Trophoblast, 6. Embryonalknoten, 7. Hypoblastzellen, 8. Epiblast, 9. Hypoblast, 10. Dottersack.
Quelle: V. Blüm, Vergl. Reprod. biol. d. Wirbeltiere.


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