Titel

Die Königin ist tot...


Ein Interview mit Schiwa Pourhassan



Hoch her ging es Ende November im AStA und SP. Zusammen mit der "Grünen" Hochschulgruppe stürzte die stellvertretende AStA Vorsitzende Schiwa Pourhassan - von der Liste Multiple Choice - die bis dahin amtierende Ruth Heinrichs (Jusos) vom Thron und erklomm denselben (siehe dazu auch BiOkular aktuell vom 28.11.,12.12. und 20.12.). "Die Königin ist tot, es lebe die Königin", riefen die einen, für andere ging die Welt, zumindest aber die "Liste", unter. Andreas Meske sprach mit der AStA-Vorsitzenden.




BiOkular: Viele Studierende gehen davon aus, daß die "Grüne" Hochschulgruppe den AStA-Vorstand stellt?
Schiwa: Oft wird da nicht unterschieden. Es fragen mich viele, ob ich denn nun zu den "Grünen" gehöre. Wir verstehen uns gut, aber ich sage immer wieder, daß ich bewußt bei Multiple Choice bin. Ich hätte ja auch die Möglichkeit herüberzugehen.
Wir haben viele Streitpunkte, denn wir haben ja auch keine richtige Koalition gebildet. Wir kooperieren miteinander. In vielen Punkten können wir inhaltlich gut zusammenarbeiten. Aber von den Idealen, die die Liste Multiple Choice als politische, aber nicht parteigebundene Gruppe haben, möchten wir nicht abweichen. Das sind schließlich die Sachen, für die wir letztendlich auch gewählt worden sind.



BiOkular: Viele Leute halten dich für "chaotisch".
Schiwa: Ich bin persönlich vielleicht chaotisch, aber meine Arbeit versuche ich zu strukturieren. In einem netten Film habe ich die Tage gehört: "Menschen sind nicht vollkommen, Ideen können vollkommen sein".



BiOkular: Du hast die "Unsitte" von Ruth Heinrichs fortgeführt und stellst alle Bewerberinnen und Bewerber für einen Referentenposten dem SP vor und läßt es entscheiden, welche Person es mag. Das ist eigentlich nicht der reguläre Weg. Ist das nicht ein Abwälzen der Probleme auf andere?
Schiwa: Ich glaube, daß das Problem darin besteht, daß wir im SP keine richtigen Mehrheiten haben. Es ist zwar sehr positiv, daß es so viele Listen gibt. Das Problem ist aber, daß es im AStA sehr viele verschiedene Gruppen gibt. Das zeigt sich immer wieder. Die AStA-Sitzung spricht sich für den einen Kandidaten aus. Der AStA-Vorstand kommt zu keinem richtigen Konsens. Wir müssen jedoch alle mit dem neuen Referenten arbeiten und zurechtkommen. Daher finde ich es am fairsten, allen Bewerbern im SP die Möglichkeit zur Vorstellung zu geben und die Parlamentarier entscheiden zu lassen.



BiOkular: Dein Vorstoß, zwei Männer und keine Frau ins HoPo-Referat zu setzen, hat ziemlichen Wirbel verursacht. Es kam zu endlosen Diskussionen, und die wichtigen Sachthemen wurden wie üblich verschoben.
Schiwa: Ich glaube, das ist ein Problem, was wir grundsätzlich im SP haben, daß nämlich die Personaldebatten zuviel Energie aufbrauchen, und daß dort auch zuviel Energie hineingesteckt wird. Vielleicht werten wir das ganze ja auch zu sehr auf.



BiOkular: Die Fachschaftsvertreterkonferenz (FSVK) war schon immer ein Streitpunkt. In wieweit nimmt man sie ernst? Haben die Fachschaften überhaupt etwas zu sagen? Einzelne Hochschulgruppen, bzw. einzelne Personen, haben anscheinend eine andere Meinung zur FSVK, als Du sie stets geäußerst hast.

Schiwa

"Die Zeiten, in denen ich - wie in der Schulzeit - als große Feministin verschrien war, sind sicherlich vorbei." Foto: Andreas Meske



Schiwa: Also ich nehme die FSVK sehr ernst. Das, was Peppi gesagt hat, finde ich unverschämt [Christian Pfefferer von der "Grünen" Hochschulgruppe bezeichnete eine Stellungnahme der Fachschaften als "Geseier"; Anm. d. Red.]. Das kann ich so sagen, und das habe ich ihm auch schon selber gesagt.
Ich nehme auch die Meinung der FSVK sehr ernst. Generell höre ich mir Kritik sehr gerne an, wenn ich sie nachvollziehen kann. Ich versuche sie auch in meine Arbeit einzubeziehen. Wenn allerdings - wie im Fall des HoPo-Referates - sich die Kritik gegen eine einzelne Person richtet, muß ich, und müssen wir im Vorstand jedoch abwägen, was das beste ist.
Leider sind bei der FSVK meist nur sehr Wenige und meist auch durch die gleichen Fachschaften vertreten. Das finde ich sehr traurig. Es ist zwar das gute Recht der FSVK, daß sie die ganze Zeit über den AStA und das SP diskutiert hat, nur fände ich es schön, wenn man die Sachen, die die Fachschaften direkt betreffen, wieder in den Vordergrund rückt. Hin und wieder rücken, wie im SP, die eigentlichen Themen in den Hintergrund.



BiOkular: Stichwort AStA-Sitzung. Viele Referentinnen und Referenten sind ja nicht so ganz glücklich mit Dir. Fehlt da nicht der Rückhalt von den Referaten?
Schiwa: Seit wir im Vorstand wieder zu dritt sind und arrangiert haben, wer was macht, habe ich eigentlich das Gefühl, daß die Arbeit sehr gut läuft, auch die Zusammenarbeit mit den Referaten. Es gibt jedoch einige, bei denen ich sehe, daß sie nicht mehr hinter mir stehen, bzw. hinter dem Vorstand. Ich kann jedoch auf die Kritik, die sie an mir äußern, nicht immer eingehen. Sie äußern nämlich keine Kritik, die sich an irgendwelchen Dingen fest macht, sondern es artet oft in irgendwelche Beschimpfungen aus. Ich versuche aber trotzdem, immer wieder auf die Referentinnen zuzugehen, denn sie sind ein fester Bestandteil des AStA, und sie sind sehr wichtig für die Arbeit des AStA.


BiOkular: Gerade von einigen Referenten kommt der Vorwurf, Du würdest die hierarchische und autoritäre Politik betreiben, die Du Ruth zum Vorwurf gemacht hast.
Schiwa: Das sehe ich nicht so. Ruth hat ja noch nicht einmal auf ihre Kolleginnen im AStA-Vorstand gehört. Es ist so, daß die Person, die Referenten vorschlägt, den "Schwarzen Peter" auf jeden Fall in der Hand hat. Man muß dann halt abwägen: mit wem möchte ich zusammenarbeiten, mit wem möchten die anderen Referenten zusammenarbeiten. Wir sehen uns ja auch als Vorstands-Referat und gliedern uns in die Referatsreihe ein. Wenn dann allerdings jeder eine andere Meinung hat, ist es natürlich schwierig zu entscheiden.



BiOkular: Deine Liste hat maßgeblich an der Einrichtung des HoPo Referates mitgewirkt. Was sind dessen Aufgaben?
Schiwa: Das HoPo-Referat ist an den AStA-Vorstand angegliedert. Die Aufgabe ist, sich in die ganzen hoch schulpolitischen Debatten intensiv einzuarbeiten, diese für den "Normalstudi" transparent zu machen und mit dem Vorstand zusammen Konzepte zu entwickeln. Der Referent Jan Fräßdorf, er ist ebenfalls Mitglied der Liste Multiple Choice, soll sich auch mit den Fachschaften kurzschließen und fährt mit zu überregionalen Treffen.



BiOkular: Der Vorstand vor Dir hat sich stark um den fzs, also den Dachverband der Studierendenschaften, gekümmert. Machst Du auch gerne "außerhalb" der Uni, mit anderen Unis zusammen Politik oder beschränkst Du Dich auf die HHU?
Schiwa: Die Einrichtung des fzs an sich halte ich für richtig. U.a., weil er wichtige Impulse für die Arbeit vor Ort gibt. Ich werde natürlich auch mit Jan, als HoPo-Referenten, diese Arbeit weiterführen. Wenn es allerdings um die Erhöhung des Beitrages zum fzs geht, lehne ich eine solche strikt ab. Bei unseren knappen Finanzmitteln müssen wir Prioritäten setzen, und die liegen für mich ganz klar hier an der HHU. Das gilt auch für die Arbeit.



BiOkular: Thema Feminismus
Schiwa: Die Zeiten, in denen ich - wie in der Schulzeit - als große Feministin verschrien war, sind sicherlich vorbei. Ich würde mich selber als emanzipiert bezeichnen, aber die extreme Form des Feminismus vertrete ich nicht. Ich finde sie auch nicht hilfreich in der ganzen Debatte. Extremer Feminismus schadet der Emanzipation .
Zum Feminismus an der Uni: Ich fand es interessant zu beobachten, wie viele verschiedene Strömungen es in der Feministischen Liste gibt. Da ist mir erst bewußt geworden, daß die anfangs eher skeptische Haltung von mir gegenüber der Feministischen Liste eigentlich nicht richtig war, weil es dort auch Strömungen gibt, denen ich mich locker anschließen könnte. Auf der anderen Seite gibt es dort aber Leute, deren Thesen ich gar nicht nachvollziehen kann.
Wahrscheinlich hat sich die Diskussion über mich wegen meines Ausspruchs über die Quote entfacht, als ich gesagt habe, die Quote finde ich wichtig, doch wenn man keine Frau findet, sollte man den Posten mit einem Mann besetzen, bevor die Arbeit liegenbleibt. Im Nachhinein muß ich sagen, daß ich festgestellt habe, daß die Quote sehr sinnvoll ist, nur sie für das "non plus ultra" zu halten und zu meinen, nur damit wirkliche Gleichberechtigung zu schaffen, daran glaube ich nicht.



BiOkular: Du bist ja oft die Zielscheibe für Kritik von einigen Über-Feministinnen .
Schiwa: ich glaube, daß gerade diese, zum Teil verkappten Feministinnen, die Ideale des Feminismus selber oft vergessen, bzw. verfehlen. Wenn sie eine andere Frau wie mich mit Äußerungen fertigmachen wollen, ich würde das ja nur deshalb so machen, weil mein Bruder das auch so gemacht hat, dann trauen die mir ja noch nicht einmal zu, daß ich für mich selber denke und mein Handeln überlege. Das ist ja eine Vorgehensweise, die eben von diesen Frauen immer den Männern vorgeworfen wird. Diese Feministinnen interessieren sich auch nicht für das, was ich in der Frauenpolitik mache oder wie ich dazu stehe, sondern nur, ob ich denn die Endung "in" benutze oder nicht.



BiOkular: Nach dem Mißtrauensvotum gab es einige Stellungnahmen und Kommentare, doch vielfach wurde kritisiert, daß die "breitere" Öffentlichkeit, sprich Fachschaften und Studis, davon zwar hörten, aber keine weiteren Informationen erhielten. Von Dir kam eine sehr kurze Stellungnahme aber sonst war da nichts.
Schiwa: Sicherlich hatte das konstruktive Mißtrauensvotum einige negative Seiten.
Zum einen fand ich sehr bedauerlich, daß sich die Antragsteller, also die "Grünen", während der SP-Sitzung gar nicht geäußert haben. "Bedauerlich" ist da eigentlich noch zu wenig. Es war deshalb sehr schlecht, da es ja gute Gründe für das Votum gab und diese gar nicht zur Sprache kamen. Für Außenstehende war der verlesene Text der Grünen sehr schwierig nachzuvollziehen . Allerdings ist das Mißtrauensvotum für Außenstehende sowieso schwer nachvollziehbar. Selbst"Insidern" blieb es unverständlich .
Basisdemokratie ist für mich sehr wichtig, und ich würde und werde alles tun, um die Leute in Zukunft besser zu informieren. Ich möchte mir allerdings nicht vorwerfen lassen, nicht basisnah zu arbeiten. Ein Beispiel ist die enge Zusammenarbeit mit den Fachschaften in Sachen Neustrukturierung der Phil-Fak.



BiOkular: Die "Grüne" Hochschulgruppe hat sich überhaupt nicht zum Thema Mißtrauensvotum geäußert.
Schiwa: Das finde ich Scheiße.



BiOkular: Politische Gruppen als Hochschulgruppen . . .
Schiwa: ...verabscheue ich.



BiOkular: Was für Pläne habt Ihr denn für das nächste Semester?
Schiwa: Zuerst planen wir eine Veranstaltungsreihe mit dem Titel "50 Jahre danach" zum Ende des zweiten Weltkrieges mit Bezug auf die heutige Zeit. Das Kulturreferat plant für das Sommersemester wieder ein Campusfest, was wir sehr begrüßen. Zum anderen ist eine Internationale Woche geplant. Da gibt es nicht nur internationale Gerichte, Feste, sondern auch Diskussionen und Veranstaltungen zu Themen, wie doppelte Staatsbügerschaft u.s.w. Vor der Landtagswahl wird es ebenfalls Infoveranstaltungen geben. Als weiteres wird von uns der Bau einer Kindertagesstätte weiter vorangetrieben . Das ist allerdings eine langwierige Sache. Mit Jan zusammen wollen wir eine Informationsbroschüre zur Hochschulpolitik erstellen. Für das Semesterticket wird ein neuer Vertrag ausgehandelt. Wir freuen uns auch, wenn Leute aus den Fachschaften mit Ideen auf uns zukommen, die wir dann zusammen verwirklichen können.



BiOkular: Diskutierst Du gerne mit Kritikern.
Schiwa: Ich diskutiere so lange gerne, wie ich das Gefühl habe, daß die Diskussion beidseitig geführt wird, d.h., daß die Person,die mich kritisiert, mir auch zuhört und meine Denkweise versucht nachzuvollziehen. Bei anderen Leuten, die z.B. nur darauf warten, daß ich etwas falsch mache, ist das anders. Mit denen möchte ich auch nicht unbedingt diskutieren.



Leider konnten wir aus Platz Gründen nur Teile des Interviews abdrucken.


Inhalt BiOkular 12

Gesamtinhalt

BiOkular-Leitseite