Kikwit...Kikwit...was wie das Gezwitscher eines trällernden Vogelmännchens auf Brautschau klingt, ist seit vielen Wochen ein Ort, an dem Ärzte vielleicht bald wieder die pestillenzbewährte Schnabelmaske tragen. Die etwa 500 km von der Hauptstadt Kinshasa entfernte Provinzmetropole wird von einer gnadenlosen Seuche heimgesucht. Nach HIV schon wieder ein Virus, das die Infektionsmedizin vor eine neue Mauer der Machtlosigkeit stellt, doch in seinem Verhalten ganz anders: die Krankheit ist kurz, doch keinesfalls schmerzlos. Vor 28 Jahren hat ein verwandtes Virus auch schon in weniger exotischer Umgebung gewütet - im idyllischen Marburg! Derweil sind weltweit noch andere Viren mit ähnlicher Symptomatik der von ihnen verursachten Krankheit im Umlauf.
Ouvertüre an der Lahn
Scheinbar ohne Zusammenhang traten 1967 in Marburg, Frankfurt und Belgrad Ausbrüche fieberhafter Erkrankungen auf. Von den insgesamt 25 primär infizierten Patienten starben sieben.
Diese Krankheitsfälle dürften nicht in einem Atemzug genannt werden, gäbe es nicht doch einen gemeinsamen Nenner: alle diese Primärpatienten waren in Laboratorien beschäftigt und hatten unmittelbar vor Ausbruch der Kranheit Kontakt mit Blut, Organen oder Gewebekulturen einer bestimmten Sendung von Vervetaffen (Cercopithecus aethiops) aus Uganda. Es gab im folgenden auch Sekundär- und Tertiärinfektionen, deren Opfer Krankenhausangestellte und Geschlechtspartner der primär infizierten waren.
Nachdem dieses Virus genauso plötzlich aus dem Blickpunkt der Öffentlichkeit getreten wie es aufgetaucht war, flammte seine Spur 1975 noch einmal in Johannesburg bei einem Reisenden auf, der kurz nach seiner Einweisung in ein Krankenhaus starb.1980 kostete dann das Marburg-Virus einen Mann in Nairobi das Leben. Zwischen 1975 und 1980 machten in Äquatorialafrika zwei weitere, klinisch der Marburg-Virus-Krankheit entsprechende Epidemien von sich reden. Die isolierten Virusstämme waren auch serologisch mit dem Marburg-Virus identisch, unterschieden sich jedoch genetisch von diesem. Das neuentdeckte Virus wurde nach dem Ebola-Flußin Zaire benannt.
Die Maske des Roten Todes
Marburg und Ebola-Viren sind RNA-haltige, fadenförmige, gebogene und teilweise sogar verzweigte Partikel, die der extra für sie geschaffenen Gruppe der Filoviren zugerechnet werden. Die in Zaire und Uganda aufgetretenen Ebola-Virus-Typen unterscheiden sich in verschiedenen Parametern voneinander, so daßes einen Zaire- und einen Uganda-Stamm gibt.
Obwohl Patientenserum reichlich Material zur Isolation des Erregers darstellt, wird damit nur selten gearbeit, denn nicht allzuviele Laboratorien haben die Erlaubnis dazu. Zusammen mit dem Erreger des Lassafiebers stellen die Filoviren das Virusmaterial mit der höchsten Sicherheitsstufe dar, also viel strenger als beispielsweise HIV. Die Verlaufsform ist immer die gleiche: Nach einer Inkubationszeit von wenigen Tagen kommt es zu grippeähnlichen Symptomen vor allem mit Kopfschmerzen und allge- meiner Schlappheit. Innerhalb kurzer Zeit breitet sich der Erreger aber über das Blutkreislaufsystem im ganzen Körper aus.Indem das Virus Koaggulationen in den Gefäßen provoziert, führt es zu Rissen und anderen Verletzungen derselben. Daraus erklären sich die inneren Blutungen und das hohe Fieber. Bei starker Gefäß- schädigung können die Blutungen auch nach außen treten, so daßes aussieht, als blute der Patient durch die Schweißdrüsen. Der Gesichtsausdsruck der fahlhäutigen Patienten ist eigenartig verzerrt. Wer je Edgar Allan Poes "Roten Tod" gelesen oder die Verfilmung gesehen hat, denkt an die blutrote Gesichtshaut der Verdammten, denen der Körpersaft inTropfen auf der Stirm stand, und in etwa so hat man sich die Opfer dieser Krankheit vorzustellen.
Der Tod kann in dieser schweren Phase schnell eintreten, doch beweisen subklinische Fälle, daßeine Infektion mit Marburg oder Ebola nicht zum Krankheitsausbruch oder gar Tod führen muß.
Obwohl das Blut im wahrsten Sinne des Wortes die hervortretendnste Lokalisation des Virus ist, mußman es als pantrop bezeichnen, da alle Organe befallen werden können. Doch immer spielt der rote Körpersaft die sichtbar auffallendste Rolle. Die Thromben führen überall zu Gefäßschädigungen, so daßselbst Magen und Darm mit Blut gefüllt sind. Leber und Milz sind mit beteiligt, wobei erstere in der Labordiagnose erst mit erhöhten Enzymwerten auf sich hinweist und extrem brüchig ist, so daßbei der Sektion Blut austropft, das dem Organ eine gelbrote Färbung verleiht., während die Milz keine Follikel enthält und von weicher, fast breiiger Konsistenz ist. Immer- hin proliferieren Makrophagen, doch wer sich im Immunsystem auskennt, weiß, daßdiese großen Freßzellen bei Virusinfektionen fehl am Platze sind. Andere Zellen und Gewebe des Immunsystems gehen zugrunde oder sind mit Zelltrümmern angefüllt. Ähnliche Vorgänge wie in Leber und Milz spielen sich auch in Pankreas, Gonaden, Nieren, Nebennieren, Hypophyse, Schilddrüse und Haut ab. Bei alledem klingt ein wenig durch, daß Fehlsteuerungen des Immunsystems bei der Pathogenese zumindest mitbeteiligt sind.
Abb. 1: Diese possierlichen Exoten brachten das
Marburg-Virus nach Europa. Doch welche Rolle
spielt die Grüne Meerkatze (Cercopithecus
aethiops) im natürlichen Infektionsgeschehen ?
Quelle: "Das moderne Tierlexikon", Bertelsmann 1979
Woher kommt die Seuche ?
Überraschend aufflammende Infektionskrankheiten, die vorher niemand kannte oder unbedingt kennen wollte, führen häufig zu der Vermutung, ein hochmolekulares Monstrum sei aus geheimen Gen-Labors ausgebüchst. Meistens findet man aber den verantwortlichen Erreger oder verwandte Typen irgendwo in abgelegenen Regionen der Erde wieder. Im Falle der Marburg- und Ebola-Infektionen deutet zwar alles darauf hin, es mit einer Zoonose zu tun zu haben, doch haben ausgedehnte Suchen nach dem natürlichen Reservoir bisher keinen Erfolg gezeigt. Im Rahmen eines Forschungsprogramms, das im Zuge der frühen Epidemien in Afrika gestartet war, hat man verschiedene kleine Säugerarten auf das Virus untersucht, doch wurde man in keinem Fall fündig. Auch die für die berühmten Marburg-Virus-Fälle so berüchtigten Cercopithecus-Affen waren wohl auch nur zufällig infiziert. Experimentell infizieren lassen sich Meerschweinchen, Ratten und der Syrische Hamster, die aber erst nach wiederholten Gaben Zeichen einer Erkrankung zeigen. Eine Reihe von Primaten, nämlich außer der Grünen Meerkatze noch Rhesusaffen und "squirrel monkeys", sind dagegen hochempfänglich für Infektionen mir Marburg oder Ebola und zeigen sogar ähnliche Symptomatik wie Menschen.Die pathologischen Veränder- ungen lassen sich auf Nekrosen der lymphoiden Elemente mit reticuloendothelialer Hypertrophie in Lymphknoten und Milz, Niedergang der Leber, Pneumonie und Gefäßzerstörung durch Thrombenbildung fokussieren. Umso frustrierender mußdann die Feststellung gewertet werden, daßall diese Affenarten in ihrem natürlichen Habitat eigentlich nie infiziert sind und somit als gesuchte Reservoirwirte ausscheiden.
Einiges aus der Sippschaft
Marburg- und Ebola-Virus sind innerhalb des Sammelsuriums an Viren sehr exotische Vertreter, die es den zuständigen Wissenschaftlern bei ihrer Entdeckung nicht gerade einfach machten, sie in ein systematisches Schubfach zu stecken. Aufgrund morphologischer Überlegungen landeten die zwei Neulinge vorerst bei den Rhabdo- viren, die allesamt geschoßförmige Partikeln mit einem abgerundeten und einem geraden Ende sind. Als Genom enthalten sie Minus-Strang-RNA. Die für den Menschen sicherlich bedeutendste Krankheit, die durch einen Vertreter dieser Gruppe verursacht wird, ist die Tollwut, hervorgerufen durch das sogenannte Lyssa-Virus, das serologische Verwandtschaft zu einer ganzen Reihe von noch wenig erforschten afrikanischen Viren aufweist. Da ein Forscher bei der Spurensuche ähnlich vorgeht wie ein Detektiv, waren diese Übereinstimmungen anfangs verlockend. Doch bald zeigte sich, daßdie getroffene Einordnung nicht haltbar ist. Parallel dazu wurde man schon wieder in Afrika auf eine neue und bis dato unbekannte Krankheit aufmerksam: im Januar 1969 brach nämlich in Nigeria eine letale und äußerst leicht übertragbare Infektion aus, die nach einer zwischen drei Tagen und zwei Wochen schwankenden Inkubationszeit schleichend mit hohen Fieber, Schüttelfrost und Schmerzen in Kopf, Hals und Muskeln beginnt und nach wenigen Tagen unter bleibend hohen Fieber, ausgeprägter Schwäche, vermehrter Infektanfälligkeit, Durchfall, Erbrechen und Beteiligung fast aller Organe zum Höhepunkt schreitet. Der Tod tritt durch Kreislaufschock, Anoxie oder Herzstillstand ein.
Das erste Todesopfer war eine amerikanische Missionsschwester, die in einer kleinen Station im Lassa-Township im Nordosten Nigerias ihren Dienst getan hatte. Nach diesem Ort wurde die Krankheit Lassa-Fieber genannt.
In einer nun folgenden Infektionskette wurde der Erreger auf weitere, an der Pflege und der späteren Autopsie beteiligten Personen weitergegeben. Nachdem im Februar desselben Jahres eine erkrankte Schwester per Linienflug in die USA evakuiert worden war, gelang es einem Forscherteam von der Yale-Universität, aus ihren Blut das ab jetzt so bezeichnete Lassa-Virus zu isolieren. Den Glückwünschen durch Kollegen folgte für einen der Wissenschaftler eine Infektion mit dem Lassa-Virus, die er jedoch überlebte.
Abb. 2: Ebola (links)- und Marburg-Virus (rechts) zum Vergleich - in beiden Fällen handelt es sich um fadenförmige, gebogene,teils verzweigte Partikel. Quelle: D.A.Warrell: "Infektionskrankheiten", VCH.
Während dieser Zeit erfreute sich das Lassa-Virus weltweiter Bekanntheit. Diese Publicity pflegte es durch weitere Epidemien in Nigeria (1970) unweit der Region seines ersten Auftretens , in Liberia (1972) sowie in Togo und Sierra Leone (1972). Bis heute setzt das Lassa-Virus seinen Feldzug in Westafrika fort. Bei Autopsien von verstorbenen Lassa-Opfern wurden Läsionen und andere Funktionsstörungen in Leber, Niere, Herzmuskel, Gehirn und Skelett beschrieben. Häufig sind auch hier ausgedehnte Blutungen der inneren Organe, die aber anders als bei Marburg- und Ebola-Virus-Infektionen nicht durch Gefäßzerstörung, sondern abnorme Gefäßdurchlässigkeit bedingt sind.
Das Lassa-Virus wurde wiederholt aus der in Westafrika vorkommenden Ratte Mastomys natalensis isoliert, die in Nigeria und Sierra Leone zu den häufigsten kultur- folgenden Wildtieren gehört. Das Virus verursacht bei seinen persistierenden Infektionen in Mastomys keine Krankheitszeichen und mußdafür auch keine Immunant- worten befürchten.
Der Mensch infiziert sich wahrscheinlich durch direkten Kontakt mit dem Urin der Ratte, die für gewöhnlich leichten Zugang zu Behausungen und herumliegenden Nahr- ungsmitteln der Bevölkerung hat. Trotz anfänglich vermuteter Gemeinsamkeiten gehört das Lassa-Virus einer ganz anderen Kategorie an als das Marburg- und Ebola- Virus. Schon die Gestalt ist deutlich verschieden. So zeigt sich das Lassa-Virus als kugeliges Gebilde, allerdings ebenfalls mit einzelsträngiger RNA als Genom. Weitere Untersuchungen brachten das Lassa-Virus in die Gruppe der Arenaviren.In der Gruppe der Flaviviren finden sich Vertreter, die jeweils in verschiedenen Teilen der Welt Erkrankungen mit hämorrhagischem Fieber auslösen. So war das Dengue- fieber ursprünglich in den ländlichen Gebieten Ostasiens verbreitet, wo Stechmücken der Gattung Stegomyia als alleiniger Vektor fungierten. Seit dem ausgehenden 18.Jahrhundert sind Dengue-Epidemien in den gesamten Tropen und Subtropen weltweit bekannt, wobei in städtischen Regionen Aedes aegypti die Rolle des wichtigsten Vektors übernommen hat Eine besonders schlimme Form des Denguefiebers, die hämorrhagische Form, geht mit abnormer Blutungsneigung einher, die zum Tod durch Schocksyndrom führt.
Es könnten noch unzählige andere Viren besprochen werden, zu deren klinischem Repertoire derart gruselige massive Blutungserscheinungen gehören, so daßdas furchteinflößende Krankheitsbild von Ebola- und Marburg-Infektionen so besonders gar nicht ist. Auch die hohe Infektiösität dieser beiden Viren ist kein absolutes Novum, sondern durch andere Agentien ausreichend belegt. In einem verwandtschaftlichen Verhältnis scheinen die unheilvollen Scheinzwillinge nicht mit den anderen genannten Erregern hämorrhagischen Fiebers zu stehen, so daßsie allein die neu erschaffene Gruppe der Filoviren repräsentieren.
Die Zukunft mit den Viren
Kehren wir zu früheren Überlegungen zurück, so erinnern wir uns, daßMarburg- und Ebola-Viren in einem natürlichen Reservoirwirt vermutet werden, der wohl ein Dschungelbewohner sein mußund dessen Identifizierung bisher auf sich warten ließ. Andererseits birgt der tropische Regenwald noch ein so riesiges Potential an möglichen Bewohnern und Virus behältern, daßschnelle Erfolge bei der Suche ohnehin als glücklicher Zufall zu werten gewesen wären. Eines ist jedoch sicher: wenn tatsächlich irgendwelche Wildtiere als Reservoirwirte fungieren, dann werden diese mit zunehmender Zerstörung ihrer Lebensräume möglicherweise in die Städte kommen und das Virus mitbringen. Es gibt viele Experten, die in den unzugänglichen Weiten des tropischen Regenwaldes Afrikas, Asiens und Südamerikas einen Tummelplatz für unentdeckte Krankheitserreger sehen, die nur deshalb bisher für den Menschen ungefährlich waren, weil er noch nie mit ihnen in Kontakt gekommen ist. Es ist zu erwarten, daß sich im Zuge der Abholzung der Regenwälder mit stetiger Verkleinerung dieses Lebensraums die Viren und anderen Krankheitserreger sich als haltbarer erweisen als die Bäume. Ebola- und Marburg-Virus-Infektionen stehen, was die Problematik der Dritten Welt angeht, beispielhaft für die Problematik der medizinischen Versorgung. Viele Opfer sind deshalb dem Tode geweiht, weil sie nicht ausreichend ärztlich versorgt und gepflegt werden können, so daßanders als in Europa und den USA, wo das Auftauchen dieser Krankheitswelle ein exotisches Kuriosum darstellt und für die Filmindustrie gerade zum richtigen Zeitpunkt kommt, in Afrika die Todesseuche von Kikwit nur als eine von vielen gesehen wird. Obwohl nicht alle Probleme der Welt vom reichen Norden gelöst werden können, wäre es im Zuge einer sinnvollen Entwicklungshilfe wünschens- wert, sich nicht immer nur dann um die infektiösen Geißeln der tropischen Länder zu kümmern, wenn Fernreisende oder Geschäftsleute zufällig eine ungebetene Nukleinsäure im Koffer oder im Blut mit nach Frankfurt Airport bringen. Das rapide Abflauen des Informationsstroms über die Ebola-Epidemie in Zaire, der vor einigen Wochen noch ausgiebig durch die Medien sprudelte, läßt die Frage offen, ob die Seuche oder das Interesse an ihr vorübergegangen ist.