Titel

 

Der schwarze Storch

Von Prof. Werner Kunz

Eines haben der Liebe Gott und der Storch gemeinsam: Jeder kennt ihn, doch kaum einer hat ihn je gesehen. Selbst in den Vereinigten Staaten, wo der Storch nicht vorkommt, weiß jedes Kind: "They breed on chimneys, and they bring the babies". Was aber nur ganz wenige Leute wissen, ist daß der so populäre Weißstorch noch einen schwarzen Vetter hat, den Schwarzstorch.

Seit der Jahrhundertwende nimmt der Weißstorch in Deutschland kontinuierlich ab, unabwendbar, wie es scheint. Man kann den Gefährdungsgrad einer Tierart nicht an der Stückzahl messen. Dann wäre der weiße Storch ungleich weniger gefährdet als der schwarze; denn er brütet in Deutschland zehnmal so häufig. Dennoch ist er viel stärker gefährdet als der Schwarzstorch. Entscheidend ist die Bestandsentwicklung über einen längeren Zeitraum, und da sieht es beim Weißstorch ungleich trüber aus. Ein Nest nach dem anderen wird aufgegeben, und oft bleiben die Alttiere, so sie denn überhaupt noch da sind, ohne erfolgreiche Nachzucht.

Storch

Die Abb. zeigt links den Schwarzstorch (Ciconia nigra) und rechts den Weißstorch (Ciconia ciconia). Aus dem Kosmos Naturführer "Die Vögel Europas" von L. Jonsson.

Die Ursachen dieses Rückgangs sind unbekannt, so sehr auch viele Leute glauben, sie könnten klug darüber reden. Es ist ja so "in", daß das natürlich am Rückgang der Feuchtgebiete und am Gift in der Landwirtschaft liegen mußund so weiter und so weiter, was heute jeder so gerne hören will. Aber warum geht der Bestand des Weißstorchs schon seit der Jahrhundertwende zurück? Warum ist der Storch in England nie vorgekommen? Warum ist er ganz besonders in Holland und Nordwestdeutschland zurückgegangen? Warum hat der Weißstorch in Böhmen und Mähren in den letzten Jahrzehnten um über 100% zugenommen?

Das deutet auf andere Ursachen, zumindest Mit-Ursachen, hin. Vielleicht spielt die zunehmende Atlantisierung des Klimas in Nordwesteuropa eine Rolle, die einige Vogelarten ja schon verleitet hat, im Winter nicht mehr wegzuziehen. Dem Storch scheinen die nassen kalten Frühjahre zuzusetzen. Ich habe den Storch an seinen Brutplätzen in Kastilien nördlich von Madrid erlebt. Weit und breit waren dort keine Feuchtgebiete, also keine Frösche, aber viele Heuschrecken. Und dort erlebt man, daß der weiße Storch ein Thermiksegler ist, der es stundenlang am Tage liebt, wie die Geier hoch am Himmel zu kreisen; das paßt nicht zu Sturm und Regen.

Ganz anders ist das beim schwarzen Storch. Er ernährt sich von Forellen an klaren Waldbächen und kreist nur selten über dem Brutgebiet. Er lebt so scheu und verborgen, daß selbst Förster gelegentlich nicht wissen, daß in ihrem Revier der Schwarzstorch brütet. Und, obwohl immer noch sehr selten, so nimmt er doch von Jahr zu Jahr in Deutschland zu, allmählich, aber kontinuierlich. Ich gehe davon aus, daß kein Leser dieses Aufsatzes schon je einen Schwarzstorch in freier Wildbahn gesehen hat. Aber es gibt ihn als Brutvogel keine hundert Kilometer von Düsseldorf entfernt. Noch nicht lange, aber seit Jahren.

Die Brutplätze erfährt man nicht; sie werden totgeschwiegen. Wenn in der alten Bundesrepublik in den letzten zwei Jahrzehnten der Kranich von zehn auf nahezu hundert Brutpaare angestiegen ist, der Seeadler von vier Paaren auf fast zwanzig, so war dieser Erfolg nur möglich, weil die Brutplätze rund um die Uhr bewacht wurden. Der Schwarzstorch dagegen hat sich in den alten Bundesländern mittlerweile auf mehr als fünfzig Paare vermehrt, weil er totgeschwiegen wurde.

So ist es also kein Wunder, daß ein Geheimnis um ihn weht. Ich habe ihn durch Zufall vor fünf Jahren im Rheinland gefunden, in einem abgelegenen Tal der Eifel, durchflossen von einem forellenreichen klaren Bach. Eigentlich hatte ich dort nach ganz anderen Tieren gesucht. Im Süden des Tales kommt in zunehmender Stückzahl Argiope bruennichi vor, die große, scharz-gelbe Wespenspinne, dem aufmerksamen Mittelmeerurlauber vertraut, in Mitteleuropa jedoch erst in neuerer Zeit nordwärts in Ausbreitung begriffen und im Rheinland noch sehr selten. Auch habe ich hier die stark gefährdete Onychogomphus forcipatus gefunden, die Kleine Zangenlibelle, die nach den "Grundlagenstudien zur Ökologie und Faunistik der Libellen des Rheinlandes" von 1981 in der Eifel nur an zwei Stellen vorkommen soll. Und unter den Schmetterlingen sah ich in diesem Tal seltene Arten, die nach 1960, vom Moseltal abgesehen, nicht mehr in der Eifel beobachtet wurden: Clossiana dia, den Magerrasen-Perlmuttfalter und Apatura ilia, den Kleinen Schillerfalter.

Ich war also auf vieles gefaßt, als ich Ende Juli 1991 das Tal durchstreifte, nicht aber darauf, dem Schwarzstorch zu begegnen. Ein Altvogel mit rotem Schnabel und grünglänzendem schwarzen Gefieder strich zügig vom Bach ab; ihm folgten zwei Jungvögel, kenntlich am blaßgefärbten Schnabel und am matten Gefieder. Offenbar hatte ich die Tiere beim Fischen überrascht, und ich war mir im klaren, daß dies auf eine Brut schließen ließ; denn Eltern und Jungtiere verlassen ihr Brutgebiet im Spätsommer getrennt und treten auf dem Zuge nicht mehr gemeinsam auf.

Ursprünglich war der Schwarzstorch auch über Westdeutschland weit verbreitet. In der zweiten Hälfte des vorigen Jahrhunderts kam es jedoch zu einem Zusammenbruch; der Schwarzstorch räumte einen Brutplatz nach dem anderen: in unserer Nähe brütete er bis 1880 bei Worringen, bis 1885 in der Davert südlich von Münster. Dann war er westlich der Elbe jahrzehntelang völlig verschwunden, bis auf ein paar Plätze in der Lüneburger Heide.

Der Tierfotograf Horst Siewert schreibt 1932: "Wenn man den Schwarzstorch sehen will, dann mußman im Osten Deutschlands nach ihm suchen. In Ostpreußen wird man ihn noch heute regelmäßig finden, ebenso in Pommern, Mecklenburg, der Mark und Schlesien. Nach Westen nimmt sein Vorkommen dann schnell ab, und in Hannover und Oldenburg, seinen westlichsten Brutgebieten, wo er früher nicht selten war, ist der Bestand heute fast erloschen. Ein tragisches Geschick, das sich unaufhaltsam an diesem großen und eigenartigen Vogel zu erfüllen scheint, findet darin seinen Ausdruck, daß man bei der Feststellung des Vorkommens meist ein besseres "Früher" mit einem traurigen "Heute" vergleichen muß."

Kurz nach dieser historischen Feststellung von Horst Siewert begann der Bestand in den dreißiger Jahren auf einmal wieder zuzunehmen, zuerst in Schlesien; direkt nach dem Kriege wurden dann Böhmen und Bayern nach mehr als einem halben Jahrhundert wieder neu besiedelt. Nach Österreich drang der Schwarzstorch 1952 erstmals seit dreihundert Jahren wieder ein und in Thüringen 1984 erstmals seit 170 Jahren. Heute gibt es in Österreich mindestens hundert, in Deutschland dreihundert Brutpaare.

Wie der Weißstorch, so hat auch der Schwarzstorch eine "Zugscheide": westeuropäische Tiere ziehen über Gibraltar, die östlichen Tiere über den Bosporus. Über Istanbul sah ich im September hunderte von ziehenden Schwarzstörchen, vergesellschaftet mit Schreiadlern und anderen Greifvögeln. Die Zugscheide des Schwarzstorchs liegt weiter östlich als die des Weißstorchs. In Dänemark in den zwanziger Jahren beringte Schwarzstörche wurden sowohl in Frankreich als auch in Ungarn gefunden. Als Waldstorch ist der schwarze Storch schmalflügeliger als sein weißer Vetter und daher weniger einseitig Segelflieger. Er ist also nicht so sehr auf die beiden Landengen angewiesen. Ganz im Gegensatz zu Weißstorch überquert er relativ häufig das Mittelmeer und selbst die Alpen. Obwohl Ostafrika das Hauptüberwinterungsgebiet der europäischen Schwarzstörche ist, bleiben viele bereits in Vorderasien "hängen" und etliche in der Türkei und in Spanien. Das kann sich der auf Insekten angewiesene Weißstorch nicht leisten, der größtenteils bis südlich des Äquators muß.

Der Schwarzstorch brütet auf hohen Bäumen, im Gegensatz zu den Baumbrütern unter den Weißstörchen aber nicht frei oben auf dem Wipfel, sondern auf einem Seitenast innerhalb der Baumkrone. Kennen wir in Deutschland den Schwarzstorch als überaus empfindlichen, heimlich stillen Waldvogel, der niemals in der Nähe eines Wanderweges brüten oder seine Nahrung suchen würde, so geht im Osten viel von dieser Romantik verloren. So sah ich den Schwarzstorch zur Brutzeit in der Türkei bevorzugt auf Müllkippen, zusammen mit Schmutzgeiern. In Transkaukasien nistet unser scheuer Vogel sogar in Ortschaften.

Der Schwarzstorch ist ein schöner Vogel. Noch einmal Horst Siewert: "Das Licht der Sonne vermag auf seinem schwarzen Kleid die herrlichsten Farben hervorzuzaubern, wenn es die Federn schräg auffallend trifft. Da schillern besonders Kopf, Hals und Brust in einem unbeschreiblichen Glanz. Alle Farben des Regenbogens scheinen darüber hingegossen, vom funkelnden Gold und Smaragdgrün bis zum metallischen Stahlblau, in das sich Purpur- und Violettschimmer mischen." Eines hat der Schwarzstorch aber nicht zu bieten: Er klappert nicht. Dafür ist er im Gegensatz zum Weißstorch mit einer melodischen Stimme begabt, obwohl er als stiller Waldvogel nur selten davon Gebrauch macht.

Wie wird es mit ihm weitergehen? Ebenso wie der Schwarzstorch um die Jahrhundertwende unerklärbar verschwunden ist, kann er auch in Zukunft seine neuen Reviere wieder räumen, ohne daß wir etwas dagegen tun können. Solange wir nicht wissen, warum er sich auf einmal wieder ausbreitet, können wir auch keine Voraussage machen. Vielleicht ist es eine genetisch andere Population, die von Osten her eindringt und die Besiedlung unserer westlichen Biotope möglich macht; das würde eine stabilere Zukunft garantieren. Aber das wissen wir nicht und werden wir in absehbarer Zeit auch nicht wissen; denn solcherart ökologisch-populationsgenetische Forschung wird aus vielen Gründen nicht durchgeführt werden.


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