Nach Ansicht des Bundesministers für Bildung, Wissenschaft, Forschung und Technologie - (Koseform: Zukunftsminister) könnte Deutschland auf dem besten Wege sein, in Europa die Nummer 1 in der Biotechnologie zu werden. Der Minister verweist auf die Novellierung des Gentechnikgesetzes von Ende 1993 und meint, daßdie juristischen Rahmenbedingungen in diesem Bereich zum europäischen Spitzenstandard gehören. Auch sei das Klima für die Biotechnologie und insbesondere für die Gentechnik in letzter Zeit in Deutschland deutlich freundlicher geworden; so sind z. B. zwei deutsche Forscher aus dem Ausland wieder nach Deutschland zurückgekehrt. Mag sein, daßdiese einfach nur Heimweh hatten - aber immerhin, für den Minister ein erster Hoffnungsschimmer.
Zur Zeit sind in unserem Lande schon etwa 40.000 Menschen in der Biotechnologie-Branche beschäftigt - ohne den ideologischen Wiederstand der achtziger Jahre könnten es bereits 100.000 sein; glaubt jedenfalls Rüttgers. Allerdings mußDeutschland einen gewaltigen Rückstand aufholen, denn zur Zeit gibt es nur etwa 80 Biotechnologie-Firmen in Deutschland; in den USA sind es an die 1.300. Der Forschungsaufwand beträgt bei uns jährlich 2,7 Milliarden DM, ausgegeben von privater wie auch öffentlicher Hand. Aber es gibt noch andere Anzeichen, daßdas Klima für die Biotechnologie in Deutschland besser geworden ist. So hat die Firma Hoechst angekündigt, ausländische Forschungsstätten zu schließen und Frankfurt als wichtigsten Forschungsstandort zu halten. Ein Hoffnungsschimmer für uns Biologiestudenten? In der Euphorie des ersten Silberstreifs am Horizont hat Rüttgers gar einen Wettbewerb ins Leben gerufen: Drei Regionen, die bei der biotechnologischen Forschung und der unternehmerischen Umsetzung am besten abschneiden, erhalten vorrangig Fördermittel aus dem ministeriellen Etat.
Die größten Fortschritte werden übrigens im Gesundheitswesen, also bei der Pharmaindustrie, zu erwarten sein. Hier ist der Einsatz der Gentechnik in der Bevölkerung auch am weitesten akzeptiert, es gibt immerhin schon 250 gentechnisch hergestellte Medikamente. In den anderen Bereichen sieht es eher düster aus. Aber anstatt Aufklärung zu betreiben, argumentiert unser Minister mit den zu erwartenden neun Millionen Arbeitsplätzen (wo hat er diese Zahl nur her?). Sicher auch ein Argument, aber ich meine, nicht gerade das beste, denn: immer wenn den Politikern nichts besseres mehr einfällt, kommt die Sache mit den vielen Arbeitsplätzen, die doch entstehen könnten oder erhalten blieben. Das fällt auch dem Dümmsten auf, das riecht dann immer ein bißchen nach fauler Argumentation ob der vielen Arbeitslosen. Um den Bürger über immer komplizierter werdende Sachverhalte aufzuklären, mußder Staat selbstverständlich dafür sorgen, daßdiese Bürger auch hinreichende Bildung genießen, und die fängt - nein, nicht in der Grundschule, sondern in der Universität an! Denn hier werden schließlich diejenigen ausgebildet, die später einmal in die Schulen gehen und den Kindern das nötige Wissen vermitteln sollen. Das ist übrigens auch ein gutes Argument, wenn die Studierfähigkeit der Abiturienten von den Universitäten bezweifelt wird: Ja, wer bildet denn die Lehrer nur so halbherzig aus? Auch hier ist also noch ein weites Feld der Betätigung für unseren Zukunftsminister und den Kultusministern der Länder!