Täuschung als Perfektion

Parasitische Fliege bei Ameisen entdeckt

Von Detlef Wilkens

Es sind viele angepaßte Insekten bekannt, die in Kolonien von staatenbildenden Insekten leben, aber nur wenige Arten sind so bizarr und täuschen ihren Wirt so perfekt wie die hier beschriebene. 1994 wurde im Regenwald von Malaysia von A. Weissflog und U. Maschwitz vom Zoologischen Institut der Universität in Frankfurt ein vollständiges Nest einer Treiberameisenart eingesammelt. Das Nest, ein sogenanntes Biwak, wurde aus Ameisen gebildet, die ihre Krallen ineinandergehakt hatten und so eine zeitweilige nestförmige Struktur ausbildeten. In diesem Nest entdeckte K. Rosciszewski 104 Individuen einer unidentifizierten Insektenart, 80 Diptera-Larven der Familie Phoridae, 57.100 Arbeiterinnen und eine Königin. Die unidentifizierten Insekten waren flügellos, beinlos (abgesehen von reduzierter Coxa und Trochanter) und hatten ein wurmförmiges, mit starken Borsten besetztes, Abdomen, in dem die Segmente 2-7 fehlten ). Trotz der larvalen Erscheinung handelte es sich um adulte Tiere, die den Larven ihrer Wirtsameisen nur sehr ähnelten; dies wird aus der Struktur von Kopf und Abdomen geschlossen. Die Form einzelner Organe identifizierten sie sofort als Diptera und nicht als Hymenoptera, zu denen die Ameise gehört.

Nachdem der Status der Fliege nicht einzuordnen war, wurde eine Probe zu David Kistner gesandt, der, in Zusammenarbeit mit A. und M. Newton (Field Museum of Natural History, Chicago), schloß, daßes sich bei den Fliegen um von normalen Formen hoch abweichende Phoridae handelt. Dies wurde auch von R. H. L. Disney anhand der Struktur der Antennen bestätigt. Offenbar sind diese Fliege und ihre Larve voll in der Ameisenkolonie integriert und täuschen ihren Wirt vollkommen. Beide müssen Pheromone produzieren, die ihrem Wirt entsprechen.


Schon früher gefunden?

In Standardbestimmmungsbüchern für Insekten führt das Fehlen von Beinen dieser adulten Fliegen zur Identifizierung von anormalen Larven von Diptera oder anderen Endopterygota (primär geflügelte Insekten mit vollkommener Verwandlung, deren larvale Flügelanlagen nach innen eingestülpt sind). Deshalb kann es sein, daßschon andere diese hoch veränderten Insekten gefunden haben, aber nicht identifizieren konnten.


Wo sind die Männer?

Es gibt viele myrmekophile ("ameisenliebend") und termitophile ("termitenliebend") Phoridae. Sie besitzen meist flugunfähige Weibchen, deren Flügel entweder reduziert sind oder gänzlich fehlen, oder die Ihre Flügel beim Eindringen in das Wirtsnest abwerfen. All diesen veränderten Phoridae fehlen die Beine. Normalerweise werden diese Fliegen während der Paarung vom Männchen zu den Kolonien des Wirtes transportiert und bleiben dort zeitlebens. Bei den jetzt entdeckten Fliegen handelte es sich ausschließlich um erwachsene, eiertragende Weibchen. Diese Eier sind ebenso ein Beispiel von perfekter Täuschung; die Ähnlichkeit zu denen ihrer Wirtsameise ist sehr frappierend. Die Anwesenheit von Sperma in speziellen Organen der Fliege zeigt an, daßes auch bei dieser Art männliche Fliegen geben muß. Allerdings ist noch völlig unklar, wie die Vermehrung eigentlich von statten geht.


Andere Beispiele

Die rudimentären Beine sind bislang einzigartig bei Phoridae und außerordentlich selten bei adulten Diptera. Ein Beispiel ist der Fledermaus-Parasit Ascodipteron adensamer ; die neuerdings entdeckten Weibchen besitzen Flügel und Beine, die aber, wenn sie ihren Wirt befallen, abgeworfen werden. Die engste Parallele zu unserer bizarren Fliege zeigt sich bei der marinen Mücke Pontomya edwards, deren Weibchen wurmförmige Abdomen besitzen und keine Flügel, Halteren und Vorderbeine haben. Die mittleren und hinteren Beine sind nur rudimentär vorhanden, ebenso reduziert sind Coxa, Trochanter, und in einigen Fällen sind auch dei Femur verkürzt.


Die Reste sind funktionslos

Bei unserer Fliege sind die mittleren und die hinteren Coxa am besten ausgebildet, allerdings ist das Endoskelett, was mit diesen Coxa verbunden ist, nicht so gut entwickelt. So ist die Metafurca ventral nicht voll sklerotisiert und es fehlen jegliche sklerotisierten Verbindungen zur Mesofurca. So ein unkomplettes Endoskelett würde die eigentliche Funktion der Beine nicht erlauben, falls sie noch vorhanden wären. Das Exoskelett des Thorax zeigt eine ähnlich reduzierte Sklerotisierung, die weder das Laufen noch das Fliegen erlauben würde. So sind Meso- und Metathorax nicht verschmolzen, letzteres erscheint deshalb einzelstehend. Von den Flügeln sind nur sehr rudimentäre Anlagen vorhanden, gleiches gilt für die Halteren. Die Fliege wird einem neuen Genius zugeschrieben und irgendwann vollständig beschrieben werden.


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