Küchenschelle und Hainbuche

Die Pflanzen des Jahres 1996

Von Oliver Radtke

 

 

Was haben ein zierliches krautiges Pflänzchen und ein stattlicher Baum gemeinsam? Beide sind 1996 die Pflanzen des Jahres, ein Titel, der alljährlich an einheimische oder seit langem eingebürgerte Bestandteile unserer Flora vergeben wird. Die Kriterien, nach denen diese Auszeichnung vergeben wird, sind vielfältig, doch in aller Regel handelt es sich um besonders schützenswerte und gefährdete Organismen. Wir wollen untersuchen, inwiefern die diesjährigen Kandidaten interessant sind.

Die alljährliche Miss-Wahl der Organismen ist noch gar nicht so alt: Tatsächlich geht sie auf Loki Schmidt, Gattin des Altkanzlers, zurück, die sich ihr Leben lang mit gefährdeten Pflanzen beschäftigt hat und in der Presse dafür bisweilen, mehr oder weniger liebevoll gemeint, den Kosenamen "Bundes-Stiefmütterchen" geerntet hat.


Pflanzen und Tiere des Jahres - ein Rückblick

Die Beobachtung, daß viele ihr aus der Kindheit geläufige Pflanzen immer seltener anzutreffen waren, brachten Loki Schmidt 1976 dazu, die "Stiftung zum Schutze gefährdeter Pflanzen" zu gründen. 1980 war der Lungenenzian (Gentiana pneumonanthe) die erste Blume des Jahres. Durch das anfangs geringe (und wenn überhaupt vorhandene, dann eher zynische) Medienecho ließ sich die Gesellschaft nicht entmutigen und hält, wie wir sehen, die Tradition bis heute. 1986 klinkte sich der Bund für Vogelschutz ein und wählte den Neuntöter als ersten Vogel des Jahres. Erster Baum des Jahres war 1989 die Eiche. Weniger bekannt ist, daß es seitdem auch Heilpflanze, Pilz, Säugetier, Biotop, Nutztier und vieles mehr des Jahres gibt. (In diesem Zusammenhang wäre es interessant, in Zukunft auch einen Parasiten des Jahres zu küren. Wesentliche Impulse dafür könnten von unserer in diesem Forschungsbereich, gestern wie heute, aktiven Universität ausgehen).

Die Wahl zu Tier oder Pflanze des Jahres soll dem entsprechenden Organismus Aufmerksamkeit verleihen. Der Titel könnte außer an gefährdete Arten auch an solche gehen, die von ihrer Biologie besonders interessant, typisch für eine bestimmte Landschaftsform oder ökologisch besonders nützlich sind. Meistens ist es dann aber doch der Grad der Gefährdung, der den Ausschlag für die Wahlentscheidung gibt. Auch der Wahrscheinlichkeitsfaktor spricht dafür, denn würde man umgekehrt Arten wählen, die gerade nicht gefährdet sind, so müßte die Aktion in einigen Jahren wegen Kandidatenmangel eingestellt werden. Und es wäre reichlich makaber, den ausgestorbenen Organismus des Jahres zu wählen.


Blume des Jahres - die Küchenschelle

Die Echte Küchenschelle oder Kuhschelle (Pulsatilla vulgaris) zählt sich zur Familie der Hahnenfußgewächse (Ranunculaceae), die größtenteils Stauden mit wechselständigen, oft geteilten Blättern und lebhaft gefärbten Zwitterblüten vereinigt. Das Vorkommen von zahlreichen Staub- und Fruchtblättern (letztere zu einem chorikarpen Gynoeceum verwachsen) weisen die Familie als recht ursprünglich unter den Angiospermen aus. Der Grundtyp der Ranunculaceenblüte mit ihren fünf Blütenblättern ist radiär, doch gibt es mannigfaltige Abweichungen, so daß bei einigen Vertretern nur dem Kenner die Zuordnung zur Familie auf Anhieb gelingt.

Abb. 1: Die Küchenschelle (Pulsatilla vulgaris) ist mit ihren violetten Blütenblåttern und leuchtendgelben Staubblåttern eine auffällige Erscheinung. Aufgrund ihres zunehmenden Verschwindens ihres Lebensraums bekommt man sie jedoch immer seltener zu Gesicht.

 

Die Küchenschelle wächst nun nicht in der Küche, sondern auf mageren, trockenen Wiesen in Hanglage. Eigentlich heißt sie nämlich Kuhschelle, so daß die heute gebräuchliche Schreib- und Ausdrucksweise als Verballhornung von "Küh-chen" zu sehen ist. In der Wahl des Standortes ist auch der Hauptgrund für die starke Gefährdung dieser Pflanze zu sehen: Allgemein bevorzugen Pflanzen, die charakteristisch für ärmliche Standorte sind, diese nicht an sich, sondern nur, weil sie zufälligerweise auch dort gut zurechtkommen, auf reichhaltigen Böden aber mit anderen Arten nicht konkurrieren können, welche dafür die armen Standorte meiden. Durch Flurbereinigung und Düngung sind viele ehemals karge Böden in fruchtbares Land umgewandelt worden - das Nachsehen hat die ursprüngliche Flora.

Wenn man eine solche Trockenwiese aber doch noch findet - das wird vornehmlich in Süddeutschland sein - und nach der Blume des Jahres Ausschau hält, könnte man es mit zwei Küchenschellenarten zu tun kriegen, die sich sehr ähnlich sehen. Beide weisen sich durch eine Blüte mit dunkelvioletten Blättern aus, die genau wie die Laubblätter behaart sind. Auch die lange Pfahlwurzel, mit deren Hilfe die Pflanze an Wasser in tieferen Bodenschichten gelangen kann, zeichnet beide Vertreter aus. Nur steht die Blüte bei der Echten oder Gemeinen Küchenschelle (Pulsatilla vulgaris) aufrecht, während sie bei der Wiesen-Kuhschelle (P. pratensis) nickend ist. Dieses an ein Glöckchen erinnernde Erscheinungsbild hat dann auch zum umgangssprachlichen Namen der Gattung geführt, die noch etwa 60 weitere Arten vereinigt. Die Familienähnlichkeit ist insgesamt groß: Alle Pulsatilla-Arten sind ausdauernde Kräuter, die bereits im März blühen. Im Schutz vor Nachtfrösten ist in diesem Zusammenhang die stets vorhandene Behaarung der Blätter zu sehen.

Die genetisch-fortpflanzungsbiologische Isolation der verschiedenen Pulsatilla-Arten scheint nicht stark ausgeprägt zu sein: Verfolgt man die Verbreitung dieser Species entlang der Donau, so findet man im westlichen Baden-Württemberg P.vulgaris, während in Ostbayern und Österreich die sehr ähnliche P.grandis entsprechende Standorte besiedelt. Dazwischen zeigen sich Exemplare, die eine kontinuierliche Übergangsserie mit Merkmalen beider tetraploider Arten aufweisen und durch sogenannte "hybridogene Verschmelzung" zustandegekommen sind.

In der Volksheilkunde hatten Pulsatilla vulgaris und ihre Verwandten einst große Bedeutung. Verschiedene aus der Pflanze bereitete Arzneien wurden gegen Keuchhusten, Hautausschläge und Nervosität eingesetzt. Zwar werden Pulsatilla-Präparate kaum noch benutzt, so daß man die Küchenschelle auch nicht mehr in der Heilpflanzen-Literatur findet und der therapeutische Effekt ihrer Inhaltsstoffe schwer zu beurteilen ist; daß eine Wirksamkeit tatsächlich vorhanden ist, sieht man aber zweifelsfrei daran, daß Pulsatilla-Arten toxisch sind: 30 Exenplare sollen für das ewige Nickerchen ausreichend sein, was vornehmlich einer Substanz namens Anemonol zugeschrieben wird.


Baum des Jahres - die Hainbuche

Nicht nur die Kü(h)chenschelle trägt ein verfälschtes Element im Namen: denn Carpinus betulus ist zumindest auf Ebene der Familie nicht mit der Rotbuche verwandt, sondern wird meistens mit den Birken, Haseln und Hopfenbuchen in die Betulaceae eingeordnet. Die "echten" Buchengewächse (Fagaceae) und die Birkengewächse (Betulaceae) zählen sich dann allerdings gemeinsam zur Ordnung der Buchenartigen (Fagales).

Die Birkengewächse sind windblütige Bäume oder Sträucher mit nur noch zwei Fruchtblättern pro Blüte (Buchengewächse: drei). Ihre Staubblätter sind oft gespalten. Während bei Birken (Betulus) und Erlen (Alnus) die Nußfrüchte nackt sind, werden sie bei den Gattungen Hainbuche (Carpinus), Hasel (Corylus) und Hopfenbuche (Ostrya) von einer Fruchthülle umgeben, die aus drei verwachsenen Vor- oder Tragblättern besteht und nach der Reife als Flugorgan dient. Aufgrund dieser Gemeinsamkeit stellen manche Pflanzensystematiker die betreffenden drei Gattungen in die eigene Familie der Corylaceae.

Die Hainbuchen sind auf die nördliche Erdhalbkugel beschränkt. Während Carpinus betulus Europa und Kleinasien besiedelt, vertritt C.caroliniana die Sippschaft in Nordamerika und ist dort bevorzugt im Osten anzutreffen. Beide Arten gedeihen am besten auf nährstoffreichen, tiefgründigen Böden. Ihre zweizeilig angeordneten Blätter sind im Gegensatz zu denen der Rotbuche scharf doppelt gesägt. Der Stamm ist insgesamt recht glatt, aber mit längslaufenden Wülsten versehen. Das Holz der Hainbuche ist das schwerste aller einheimischen Bäume und in Härte und Zähigkeit kaum zu überbieten. Allerdings neigt es zum Reißen, so daß es nicht als Bauholz geeignet ist. Seine Rolle als Werkstoff liegt heute hauptsächlich als Material für Axt- und Hammerstiele begründet, daneben (schwarz gebeizt) als Ebenholz-Imitation.

Als Baum wird die Gemeine Hainbuche etwa 25 m hoch; die amerikanische Art ist hier ausnahmsweise einmal kleiner als die europäische und erreicht mit 13 Metern ihr Maximum. Die Formulierung "als Baum" klingt vielleicht etwas merkwürdig, denn als was sonst sollte uns diese Species begegnen? Die Antwort finden wir in Parks, Gärten und Anpflanzungen an Straßen: schon von Natur aus hat Carpinus betulus einen ausgeprägten Hang zur Strauchwüchsigkeit mit frühzeitiger Verzweigung und geringerer Wuchshöhe. Noch dazu zeigt diese Species ein beachtliches Ausschlagvermögen, so daß sie besonders häufig als lebende Mauer angepflanzt wird, wobei ständiger Beschnitt und dichter Wuchs die Höhe gering halten. Ihren kulturellen Höhepunkt erlebte die Hainbuche in den Prachtgärten des 17. Jahrhunderts, wo sie zu architektonisch künstlerischen Formen geschnitten wurde.

Während in den kühler-gemäßigteren Regionen Mitteleuropas die Hainbuche mit der Rotbuche um den Standort konkurrieren muß und daher in den altgewachsenen Eichen-Rotbuchen-Mischwäldern nur eingestreut ist, verträgt sie kontinentales Klima besser als die Konkurrenz, so daß sie im Mittelmeergebiet und im Südosten Eurasiens der genannten Verwandtschaft überlegen ist. Nur im nördlichen Teil des Mittelmeerraums oberhalb der Steineichenstufe wird sie durch die ähnlich gestaltete Hopfenbuche (Ostrya carpinifolia) ersetzt. Wer allerdings meint, dieser Baum sei dem Brauen dienlich, bei dem ist botanisch Hopfen und Malz verloren, denn der volkstümliche Name bezieht sich nur auf die Fruchtstände, die denen der systematisch und morphologisch völlig andersartigen Hopfenpflanze ähnlich sind.

Im Gegensatz zur Küchenschelle dürfte die Hainbuche nicht aufgrund ihrer Seltenheit oder Gefährdung zu einer Pflanze des Jahres gekürt worden sein. Besonders zur Fruchtreife im Herbst wird die allgegenwärtige Präsenz dieser Art auffallen, wenn die hängenden Fruchtrauben wie leuchtende Lampions im lichtgelben Laub erscheinen und dem Baum oder Strauch ein charakteristisches Aussehen verleihen. Vielmehr könnte es darum gegangen sein, ein interessantes, aber gerade aufgrund seiner Häufigkeit wenig beachtetes Mitglied unserer Flora ins Bewußtsein zu rücken, bevor es zu einer Gefährdung kommt. Auch sollte nicht vergessen werden, daß die meisten Exemplare in anthropogen geschaffenen Habitaten anzutreffen sind und die Species einfach nur "Glück hatte", sich so sehr als Straßenbaum und Grundstücksbegrenzung zu eignen, während es um die natürlichen Standorte vielleicht gar nicht so gut steht. Es stehe jedem frei, irgendwo zwischen Verharmlosung und Verschlimmdenkung seine gedankliche Position zu wählen.

 

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