Leserbriefe


Der Kiebitz: Vogel des Jahres 1996

Industriedenken in der Landwirtschaft und deutsche Ordnung bringen ihn um

Leider muß der Optimismus gedämpft werden, mit dem der höchst lesenswerte Kiebitz-Artikel in BiOkular 15, März 96, S. 22, ausklingt. Nicht umsonst wurde der Kiebitz vom Naturschutzbund Deutschland zum "Vogel des Jahres" erkoren, weil seine Zukunft trübe aussieht. Zwar hat er erst vor einigen Jahrzehnten das Ackerland besiedelt und damit in der Tat sein Vorkommen lokal vergrößert und neue Standorte erobert (z.B. Luxemburg), jedoch darf das nicht darüber hinwegtäuschen, daß sein Bestand insgesamt in Mitteleuropa stark zurückgeht. Dabei ist der Kiebitz ein typischer Kulturfolger, und er ist exemplarisch dafür, daß es heute gerade diesen an den Kragen geht.

Schuld daran ist die in den fünfziger Jahren begonnene Umwandlung unserer jahrhundertealten bäuerlichen mitteleuropäischen Landschaft in eine maschinenfreundliche Feld- und Wiesenstruktur, in der jede feuchte Senke gleichermaßen den Trecker wie den hehren deutschen Aufräumsinn stört. Ja, auch letzteres; denn wo sind denn die ausgedienten verfallenden Feldscheunen (wie man sie in Frankreich sieht), die nutzlosen Stein- und Holzhaufen an den Feldrändern und die störenden Pfützen auf den Wegen, um nur vier höchst wertvolle Biotope zu nennen. Diese epochale Umweltzerstörung wird von der Öffentlichkeit im Vergleich zu Industrieauswüchsen, Straßenbau, Tankerunfällen usw. viel zu wenig kritisiert. So kommt es zu dem scheinbaren Widerspruch: Kulturfolger sind stärker gefährdet als die scheuen Arten, die den Menschen fliehen.

Erleidet der rezente Kiebitz das selbe Schicksal wie der hier abgebildete prähistorische aus der Spätkreidezeit? Zeichnung: Gunnar Björkman

 

Die Urwälder Germaniens sind ein artenarmer Biotop gewesen. Die umfangreichen Rodungen vor mehr als tausend Jahren haben die Tür zu den Steppen Asiens geöffnet: ein großer Prozentsatz der so typischen deutschen Vögel konnte jetzt erst einwandern: von der Lerche über das Rebhuhn bis zu so spektakulären Arten wie die Trappe, von der es in Deutschland in seinen heutigen Grenzen noch 1940 über 4000 gab (heute unter 200). Die Umwandlung Mitteleuropas von einem Waldland in eine Kultursteppe hat zweifellos vor Jahrhunderten auch den Kiebitz gefördert und damit unser Land bereichert. Was wir seit den fünfziger Jahren mit Lerchen, Rebhühnern, Trappen und Kiebitzen (und vielen mehr) erleben, ist also keine Anpassung an Kulturland, sondern die Vernichtung dessen, was sich in diesem Jahrtausend an unser Kulturland angepaßt hat.

Prof. Werner Kunz, Institut für Genetik

 

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