"Oh, wie schön ist Panama"
Ein Reisebericht von Hermann Garden
"In Panama", sagte er, "ist alles viel schöner, weißt du. Denn Panama riecht von oben bis unten nach Bananen. Panama ist das Land unserer Träume, Tiger."
Recht hat der kleine Bär, denn auf den 770 km von der costaricanischen bis zur columbianischen Grenze gibt es Bananen in Hülle und Fülle. Ob grün, rot oder gelb, klein und aromatisch oder großund Chiquita, die zu den Muscaceaen gehörende Banane kommt in hunderten von Subspecies vor. Immerhin entfallen 27,8 % des Exportgeschäfts Panamas auf die Ausfuhr von Bananen, und zu ihren Ehren findet in dem kleinen Ort Changuinola, nahe der costaricanischen Grenze, alljährlich das Festival del Banano statt. In Staunen versetzt uns auch der Preis für die süße Frucht, den man an den kleinen Straßenständen in Panama-Stadt auf den Tisch legen muß. Nicht mehr als 30 cents (US $) werden für 5 Bananen verlangt. Höher dürfte der Preis auch gar nicht sein, denn die Banane ist Grundnahrungsmittel und bei einem Gehalt von 350 US $ für eine Büroangestellte muß die Versorgung der nicht selten 10 Personen umfassenden Familie gesichert sein.
Doch was kümmert das schon einen Ernesto Pérez Balladares, der am 8. Mai 1994 im Zuge der ersten freien Wahlen seit rund 25 Jahren zum Präsidenten und Regierungschef gewählt wurde. Seine Minister verdienen nach offiziellen Angaben bis zu 10.000 US $ pro Monat. In Bananen ausgedrückt sind das 166.666 Stück, die dürften selbst für einen der wohlbeleibten Minister zuviel sein.
Cauliflorie einer Liane auf der Insel Barro Colorado im Panamakanal.
Weltweite Beachtung findet das lateinamerikanische Land nicht zuletzt aufgrund des 1914, unter Federführung der USA, fertiggestellten Panamakanals. Sie waren allerdings nicht die ersten, die von einer direkten Verbindung zwischen dem Atlantik und Pazifik träumten. In der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts versuchte sich bereits Ferdinand de Lessepes, Erbauer des Suezkanals, an der Errichtung eines Wasserwegs durch den Isthmus. Tropenkrankheiten und Mißwirtschaft setzten dem dem französischen Projekt ein baldiges Ende. Demungeachtet griffen die USA das Bauprojekt 1903, zwei Wochen nach der Unabhängigkeitserklärung Panamas von Kolumbien, wieder auf. 10 Jahre Bauzeit, ein Kostenaufwand von weit über 450 Mio. US $ und die Arbeitskraft von mehr als 75.000 Menschen wurden benötigt, um 200 Mio. Kubikmeter Erdmasse abzutragen. Unvorstellbar ist die Zahl derer, die mit ihrem Leben für das Mammutprojekt bezahlten. 25.000 Angestellte fielen Unfällen und vor allem den Tropenkrankheiten wie Gelbfieber, Malaria und Cholera zum Opfer - jeder dritte Kanalmeter kostete einem Menschen das Leben. Nachdem bis heute über 770.000 Durchfahrten registriert wurden (inkl. Richard Halliburton, der den Kanal 1928 für eine Gebühr von 36 ct. durchschwamm), finden hier rund 6400 Panamaer ihre Arbeit. Nichts hält ewig, wird man sagen, wenn am 1. Januar 2000 der Kanal von den USA an Panama übergeben wird. Allein die Sedimentablagerungen - der Kanal ist nicht befestigt - verusachen jährliche Kosten in Millionenhöhe, die Panama kaum aufbringen wird.
Die Puente de Las Américas überspannt den Panamakanal seit 1962. Die Verbindung zwischen Nord- und Südamerika wurde nach vier Jahren Bauzeit fertiggestellt und hat 20 Mill. US $ gekostet.
Es ist ein offenes Geheimnis, daßfast 50 % der Panamesen unterhalb der Armutsgrenze leben und kaum eine Chance haben, den Slums zu entrinnen. Kriminalität und Korruption stehen hier an der Tagesordnung und bestimmen das Leben der 1,2 Mio. Einwohner von Panamastadt. Hier leben rund 50 % der Gesamtbevölkerung dicht gedrängt nebeneinander. Vielen bleibt keine andere Möglichkeit, als zu betteln oder dem horizontalen Gewerbe nachzugehen. Doch das ist nur die eine Seite des Balboa (offizielle Währung in Panama); ein gänzlich anderes Bild bietet sich dem Panamareisenden außerhalb der Metropole. Hier, zwischen der Karibik im Norden und dem Pazifik im Süden, findet man alles das, was man mit dem Begriff der Tropen verbindet. Tiefgrüner Regenwald, braungelbe Savannen, schier unendlich viele Vogelarten und palmenumsäumte Strände prägen das Bild der 77.082 km2 großen Landenge, die an ihrer schmalsten Stelle gerade mal 51 km breit ist. Panama ist also kein Riese, jedoch gerade das macht seinen Charme aus.
"Im tropischen Regenwald, da herrscht das ganze Jahr hindurch Sonnenschein, es ist heißund einmal am Tag regnet es."
Hätte ich besser in der Vorlesungen zugehört, so wäre dieses Vorurteil wahrscheinlich schon früher aus meinem Kopf gewichen. Zugegeben, jahreszeitlichen Klimaschwankungen wie wir sie kennen, sind wesentlich weniger stark ausgeprägt. Die Temperatur variiert nicht mehr als 4 oC über das Jahr hinweg und rutscht das Thermometer mal auf unter 25 oC, so erkältet sich die halbe Nation. Dennoch findet man je nach Relief und Entfernung vom Äquator ganz unterschiedliche klimatische Begebenheiten, ja sogar wüstenähnliche Landstriche sind keine Seltenheit. Panama liegt mit 7-10 Grad nördlicher Breite schon weit genug vom Tageszeitenklima des Äquator entfernt, so daß man hier zwischen einer Trocken- und Regenzeit unterscheiden kann. Während der Trockenperiode, die im Januar beginnt und bis April andauert, überwiegen sonnige, trockene Tage, die - so zumindest der Reiseführer - selten von einem kurzen und kräftigen Regenguß unterbrochen werden. Hier fallen definitionsgemäß nicht mehr als 10 cm Niederschlag pro Monat. Den Rest des Jahres charakterisieren länger anhaltende Regenfälle, eine dichtere Wolkendecke und durchweg niedrigere Temperaturen (max. 27 oC). Schlaue Köpfe des National Research Counsil ersannen für derartige Verhältnisse die Bezeichnung "Moist Forest", um ihn vom "Rain Forest" abzugrenzen. Doch ausgeklügelte Definitionen interessieren den Rucksacktouristen wenig, wenn er während der Trockenzeit von einem tropischen Regenschauer in den anderen gerät und sich seine Wäsche nach ein paar Tagen mit Leben erfüllt. So manchen Bäumen wird der Boden dennoch zu trocken und sie können den hohen Transpirationsraten in der Wipfelregion nicht mehr standhalten. Als Reaktion darauf werfen sie ihre Blätter ab und unter ihnen häuft sich eine bis zu 30 cm dicke Laubschicht an: Herbst in den Tropen?
Trostlose Strandgegend auf der Insel Melitupo in der Karibik. Hier schneit es im Winter sehr häufig und der Boden taut nur für drei Monate im Jahr wirklich auf.
Nur wenige Baumarten zeigen dieses Verhalten und ihre Skelette heben sich vom dunkelen Grün der umgebenden Kronen deutlich ab. Der zu den Bombacaceae gehörende Cuipo-Baum (Cavanillesia platanifolia) ist ein eindrucksvolles Beispiel dafür. Sein blattloses Gerippe ragt zur Trockenzeit weit über das grüne Meer hinaus. Zudem speichert er große Wassermengen in seinem flaschenförmig verbreiterten Stamm, welcher wie ein Regenfaßklingt, schlägt man mit der Faust gegen ihn. In diesem Stadium entfaltet er seine fleischfarbenen, von Fledermäusen bestäubten Blüten, die ihren Besuchern wie auf einem Präsentierteller angeboten werden. Mit ihren gut ausgebildeten Augen ist es für die Flattertiere ein leichtes, die für uns übel riechenden Blüten des nachts aufzusuchen. Neben diesen chiropterogamen d.h. fledermausbestäubenden Blüten ziehen auch anemogame (windbestäubende) und zoogame (tierbestäubende) Blüten ihren Nutzen aus dem Laubabwurf. Pollen wird über weitere Distanzen hinweggetragen und bestäubende Insekten sind während der trockeneren Jahreszeit ohnehin aktiver. Es hat den Anschein, als hätten diese Bäume ihre Nische gefunden: Vermeidung von Wasser- und Lichtstreß auf der einen Seiten und effektivere Verbreitung auf der anderen.
Wenden wir uns nun der Fauna des Regenwalds zu, denn auch die Tiere Verändern ihr Fortpflanzungs- und Fressverhalten über das Jahr hinweg. Wer kennt ihn nicht, den langnasigen Ameisenbär (Tamandua mexicana). Wie es sich für ihn gehört, ernährt er sich während der Regenzeit von Ameisen. Doch das ist noch nichts Besonderes, weißdoch jedes Kind, daß ein Ameisenbär Ameisen frißt. Auch die Tatsache, daß er dabei wählerisch ist und nicht jede dahergelaufene Species aufschlürft ist noch nichts Außergewöhnliches. Der Ameisenbär verschmäht sich aggressiv wehrende Arten wie Treiberameisen (Ecciton spp.) und die bis zu 22 mm großen, übel riechenden Exemplare der Art Paraponera clavata. Seine Ernährungsweise ändert sich jedoch mit Beginn der Trockenzeit. Termitenbär müßte man ihn nun nennen, um damit seiner jetzigen Nahrungsquelle Rechnung zu tragen. Die auf den Bäumen lebenden Termiten enthalten einen höheren Flüssigkeitsanteil als Ameisen und versorgen das Tier mit einer Extraportion Wasser. Eigentümlichkeiten wie diese hält der Wald jeden Tag aufs Neue bereit und am meisten erfährt man von den teils schwer bewaffneten Parkwächtern, die Flora und Fauna vor Übergriffen schützen. Es ist ein schlecht bezahlter und vor allem gefährlicher Job, denn die Versuchung seitens der Bevölkerung ist groß, mit dem Verkauf von exotischen Tieren Geld zu verdienen. Hinzu kommt die Frage der Tradition und Armut unter den Menschen. Seit Jahrhunderten hat man sich einen Großteil der Nahrung aus dem Wald geholt, Tiere gefangen und Brandrodung betrieben. Naturschützer haben es naturgemäßschwer in solchen Gegenden und wie will man den Menschen erklären, daß z.B. der Iguana, ein auf den Bäumen lebender Leguan, in seinem Bestand bedroht ist und nicht in den Kochtopf gehört?
Ein Dorf der Kuna-Indianer auf Rio Sidra, einer Karibikinsel vor der Küste Panamas.
Jahrtausende lang währender Konkurrenzkampf und optimale klimatische Begebenheiten haben eine unermeßliche Vielfalt an Pflanzen und Tieren hervorgebracht. Selbst die artenreichen Wälder der nordamerikanischen Great Smoky Mountains reichen nicht im entferntesten an die Lebensfülle der Tropen heran. Gentry berichtete 1988 von über 300 Baumarten auf einer Fläche von 10 Km2 im Amazonasbekken, wohingegen die gemäßigteren Breiten mit kläglichen 10 % dessen aufwarten können. Wem das nicht reicht, der richte sein Augenmerk auf die Vielfalt der Orchideen, Insekten und Vögel. Von den letztgenannten kommen in Panama über 900 Arten vor, deren Farbenpracht auch den abgeklärtesten Ornithologen ins Staunen versetzt. Im Vergleich dazu nisten in ganz Nordamerika, einem Gebiet fast 250 mal so großwie Panama, nur 700 Vogelarten.
Anhand solcher Vergleiche ist man versucht, sich den Regenwald als einen Garten voller Leben vorzustellen. Auf jedem Ast müßte ein farbenprächtiger Vogel sitzen und gleich dahinter ein Ameisenbär oder ein moosbewachsenes Faultier. Das dem nicht so ist, kann jeder bestätigen, der schon einmal in dem fahlen Licht eines tropischen Regenwalds umhergewandert ist. Zwar hört man von allen Seiten fremdartige Vogellaute und mit viel Glück erspäht man auch einen der fremdartigen Gesellen, doch so richtig überzeugend ist das nicht. Hier unten, 40 m unter dem Blätterdach, kann man nur erahnen, welche Vielfalt sich dort oben verbirgt. Das Blätterdach fängt weit über 90 % der Sonneneinstrahlung ab, was unten ankommt reicht nur wenigen Moos- und Farnarten sowie der bekannten Zimmerpflanze Dieffenbachia und Mostera zum Überleben. Manche Pflanzen haben jedoch einen Weg gefunden, ihre gesamte Lebensspanne im Licht der Kronen zu verbringen und umgehen den beschwerlichen Kampf um jeden Sonnenstrahl.
Ficus crassicula, besser bekannt als Würgefeige, ist ein Hemiepiphyt und wird von Vögeln und Affen verbreitet. Ihre Samen keimen in den Astgabeln der Kronen und entsenden Luftwurzeln entlang eines Stammes in Richtung Boden. Im Laufe der Zeit bildet die Feige ein Netz rund um den Gastbaum und wird autark, wenn sie den Boden erreicht hat. Am Dickenwachstum gehindert, stirbt der eingeschlossene Baum ab und hinterläßt, nach seiner Kompostierung, das röhrenförmige Gitter der Feige.
Wir wissen nur wenig über die Funktion des Kronenbereichs und für viele Biologen, Naturstoffchemiker und Klimatologen ist dies das Mekka der Biodiversität. Täglich werden unbekannte Käfer- und Pflanzenarten gefunden, aufgespießt und zur späteren Bestimmung gehortet. Vorsichtige Schätzungen schreiben den Wipfeln der Bäume über 70 % der tropischen Artenvielfalt zu. Es verwundert daher kaum, daß Wissenschaftler die tollkühnsten Kletteraktionen auf sich nehmen, um das grüne Meer zu erreichen. Ja, es werden sogar Lehrgänge angeboten, welche den Anfänger in die hohe Kunst des Baumkletterns einweisen.
Parkähnliche Landschaft in der Umgebung des Panamakanals und des Smithsonian-Tropical-Research-Instituts. Der gesamte Uferbereich am Panamakanal steht bis 1999 unter der Verwaltung der USA.
Schlüpfrige Äste, Ameisentrupps und Wespennester lassen die romantisch anmutende Kletterpartie schnell zu einem Alptraum werden. Das Smithsonian Tropical Research Institute, kurz STRI, hat eine einfachere und schonendere Möglichkeit gefunden, eine der letzten unerforschten Regionen unserer Erde für die Wissenschaft erreichbar zu machen.
Seit der Gründung im Jahr 1966 hat STRI seine Arbeit in den Tropen immer weiter ausgedehnt und unterhält Forschungsstationen weit über Panama hinaus. Das renommierte Institut gehört zu der 1846 in den USA gegründeten Smithsonian Institution, welche über 16 Museen und Galerien umfaßt, zu deren bekanntesten das Museum of Natural History in Washington zählt. Paläoökologie, Meeresbiologie, die Genetik und Evolution von tropischen Pflanzen und Tieren sind nur ein kleiner Ausschnitt aus dem faszinierendem Repertoire.
Ein Kran muß her, mit dem wir in einer Gondel sitzend durch die Baumwipfel gefahren werden, dachten sich die Wissenschaftler des STRI. Heute ist dieser Traum Realität und der 40 m hohe Baukran ist nahe der Hauptstadt im Parco Metropolitan Tag und Nacht im Einsatz. Ob Messungen der Photosyntheseraten, Untersuchungen der Einflüsse erhöhter CO2 Konzentrationen der Luft oder nächtliche Käfersammlungen, den Einsatzmöglichkeiten der per Funk gesteuerten Gondel sind keine Grenzen gesetzt. Eine Kletterausrüstung ist allerdings immer dabei, denn der nächste Stromausfall kommt bestimmt. Es ist schwer, sich der Faszination des Regenwaldes zu entziehen und ha man sich einmal an das feucht-heiße Klima gewöhnt, die Zecken und Milben als ständige Wegbegleiter akzeptiert und die fröhliche Art der Panamesen schätzen gelernt, dann steht dem Urlaub - pardon - Forschungsaufenthalt nichts mehr im Wege.
"Panama ist so wunderbar, wundervoll schön, nicht wahr?"