Titel

Ein Besuch in der Mensa

Von Michael Retza

Montag, 04.09.1995. Ich stehe vor der Vitrine, in der das Mensaessen ausgestellt wird, um jedem visuell nahezubringen, was sich hinter so nebulösen Wortkreationen wie "Truthahnhacksteak" verbirgt.

Also, ich stehe vor eben jenem Truthahnhacksteack, das die Mensa heute unter der Rubrik Stammessen zusammen mit Gemüsereis (Erbsen und Möhren enthaltend) und Salat feil bietet, und mir schwant bereits, daß heute wieder ein sehr guter Tag ist, um meinen Forschungen nachzugehen.

Nachdem ich mir also ein Zwangsfünferpack Stammessenmarken geholt habe, obwohl ich in diesem und im nächsten Semester wohl kaum mehr als drei Mal ein Stammessen einnehmen werde, schreite ich die entsprechende Treppe hinauf, gespannt auf das, was da kommen mag.

Schon als mir das Tablett per Fließband aus der Küche entgegenschwebt, weiß ich, daß ich recht hatte. Aufgeregt setze ich mich an meinen Platz und fange an, zu forschen. Heute habe ich besonders viel zu tun. Gleich drei Phänomene gilt es zu erklären.
Die ersten zwei sind dabei noch ziemlich leicht. Ich fange mit dem Reis an, der - entgegen seinem Ausstellungsstück - sämtlichen Gemüse entbeert. Klarer Fall, hier muß ein hoher Evulotionsdruck, sprich Überlebenswille, Pate gestanden haben. Vermutlich war dem Reis aufgefallen, daß er von Studenten viel eher gegessen wird, wenn er - aufgrund seines Gemüseanteils - Gesund aussieht. Als logische Konsequenz hierauf hat er seine Erbsen- und Möhrenstücke höchtwahrscheinlich einfach wegreduziert.

Ähnliche Motive vermute ich auch bei dem Salat, der recht schlaff daherkommt. Schlaffer Salat, der matschig in seiner Sosse daherdümpelt, steht bei den Verzehrern, selbst wenn es sich dabei nur um Studenten handelt, nicht sehr hoch im Kurs und so ist es nicht weiter verwunderlich, daß er - in einer Art von Simulantentum - sein Aussehen zum negativen anpaßt, die stille Hoffnung hegend, nicht im hungrigen Studentenmagen enden zu mussen.

Auf Granit stoße ich allerdings bei dem Versuch, das Rätsel zu lösen, wie es dazu kam, daß das angekündigte Truthahnhacksteak zum gewöhnlichen, panierten Schnitzel mutierte. Denn ein Streben zum Überleben kommt als Antwort nicht in Frage.
Um nicht verspeist zu werden, hätte es schlicht und einfach seine Truthahnhacksteak-Form - getreu dem Motto "Was der Bauer/Student nicht kennt, das ißt er auch nicht" - beibehalten sollen. Als paniertes Schnitzel hat es auf jeden Fall bei der durch Schnellimbiß und McDonald`s konditionierten Studentenschaft keine Überlebenschance.
Vielleicht ist auch nur ein genetisches Experiment des Mensachefs, daß zum Ziel hat, aus einer einzigen, preiswerten Fleischform (sagen wir mal Kanalratten) alle anderen Fleischsorten hevorzubringen, fehlgeschlagen.
Oder das Truthahnhacksteak war über seine Unbeliebtheit derart deprimiert, daß es sich in eine gemeinere Form zwängte, um seinem kläglichen Dasein ein schnelles Ende zu bereiten.

Dies geht, so gebe ich zu, zwar schon ins pschychologische, aber wer mit seinem Bio-Latein am Ende ist, neigt gern zu Spekulationen. Vielleicht, so kam es mir in den Sinn, war der Bedarf an Truthahnhacksteaks einfach nur falsch eingeschätzt worden, und man mußte anstelle der nicht mehr vorhandenen Hacksteaks Schnitzel herausgeben. Aber diese Lösung der Frage schien mir zu banal, um realistisch zu sein.... Und so forsche ich heute noch.

Vielleicht habt Ihr eine Erklärung für diesen Vorfall. Schickt Eure hintersinnigsten, schwachsinnigten, zynischten und fantastischten Erklärungen an die Redaktion Biokular. Die besten werden in der nächsten Ausgabe veröffentlicht. Likelihood- Michael Retza


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